reflections

Der erste Schultag

Nach den Weihnachtsferien wieder im alten gewohnten Rhythmus zur Schule, um sechs Uhr aufstehen, verdeutlichte mir umso mehr den Ernst den Umstand, Weihnachten, Silvester, die Feiertage sind vorbei und mit heutigen Tag beginnt wieder die Disziplin in den Unterrichtsstunden.

Meine Schulsachen, ob Hefte, Bücher, Schnellhefter hatte ich mir schon Tage zuvor zusammengepackt, ganz wie von Oma geraten, und mit dem neuerlichen Schneetreiben war der gestrige Sonntag sicherlich aufregend, nervös ist mein Magen allemal gewesen. Ganz, ganz schrecklich nervös! Das find schon beim Schlafengehen an als ich mit den Gedanken an Schule, an den Ablauf, an die jeweiligen Lernfächer mich mit schwerem Atem ins Bett legte. Auch in Hinblick auf meine Mitschüler bereitete es mir erhebliche Kopfzerbrechen weil ich bislang trotz des zurückliegenden ganzen Schuljahres noch immer keinen richtigen Anschluß gefunden habe. Freunde finden, Kontakte suchen ist mir immer schwer gefallen.

Im Spital, auch während der Rehastunden, war diese Hemmschwelle auch gegeben aber die Menschen sind auf mich zugegangen, die Ärzte weil sei wußten welch Schicksal mir und meiner Familie widerfahren ist und die Patienten weil wir nicht alle grundlos auf der Station lagen. Wir machten schließlich keinen Urlaub sondern jeder besaß seine ganz eigene Geschichte und von daher nahm man gebührend Rücksicht aufeinander.

In den Wochen in denen ich das Sprechen komplex aufgab, in eine Art von traumatisch ausgelöster Aphasie versank wie es die Ärzte diagnostizierten, beobachtete ich mein Umfeld, all die Menschen darin, all die Schatten, das Lichterspiel am Tage und die beständigen Schemen zu den Nachtstunden. Um mich herum tickte das Uhrwerk weiter aber ich war längst nicht mehr Teil dieses System sondern ganz weit außerhalb.

Oma legte mir die Jause zurecht, drückte mir einen Kuß auf die Wange und lächelte. „Ich wünsch dir viel Glück und einen schönen Tag“, sagte sie, kontrollierte nochmals, ob meine Jacke richtig saß, ob die Beanie-Mütze nicht verrutscht war und sie auch meine beiden Ohren bedeckte.

Opa war nicht weniger freundlich aber anstatt eines Kusses legte er mir seine Hand auf die Schulter und sprach: „Wird schon gutgehen!“

 

Mein Magen hüpfte und sprang weiter, drehte Pirouetten, schlug einen Haken dann trommelte jemand hinter meine Bauch umher und nur durch die Nase atmend ging ich auf die Bushaltestelle. Zwischen den anderen Kindern stehend wurde es mir von Minute zu Minute mehr bewußt, daß mir der frostig beißende Wind weniger störte, aber die kleinen Grüppchen beisammenstehen sehen ließ mich umso einsamer aussehen.

An diesem Morgen fiel kein Neuschnee und da die Räumfahrzeuge fahren, Salz für die Straßen streuten, waren die Fahrbahnen frei und die Busse konnte ungehindert ihren Weg zur Schule fortsetzen. Einige waren darüber erbost, einen schulfreien Tag wegen verschneiten Straßen hätten sie mehr begrüßt und als ich in der Sitzreihe saß, meinen Rucksack umklammerte und den Blick zum Fenster rauschickte, kam mir die Strecke wieder bekannt vor. Der gestern gefallene Schnee machte sie nicht weniger unbekannt und all das unlängst gefallene Weiß gab schon allmählich ein paar braune Flecken frei oder ließ das Orange der Häusergiebel durchblitzen. Mein Körper war ein einziges Zittern, eine nervöse Partie, fest zusammengeschnürt wie ein organisches Paket als hätte ich Meine Tage vorzeitig gekriegt und wie eine hypnotisierte Schlange richtete den Kopf starr nach Draußen. Die Kinder um mich herum lärmten während mein hörbarer Atem in de Gewirr aus Stimmen und Lauten unterging.

„Du denkst das ist schlimm“, hatte Daisie auch an einem ersten Schultag nah den Ferien zu mir gesagt als ich ganz im Gegensatz zu ihr mit zwickenden Bauchschmerzen im Bus saß. „Dann stell dir vor allen würde es so gehen wie dir und plötzlich fingen sie nacheinander zum Kotzen an.“

Das stellte ich mir Damals vor und wo ich noch einen Moment brauchte hatte Daisie schon ein kleines Lachen ausgestoßen. Meine Schwester heiterte mich auf und die Kotzwelle mir vorstellen, alle Kinder wie sie im Bus saßen, denn vielen erging es ähnlich wie mir, ließ mich weniger unscheinbar wirke, mehr kam ich mir nicht wie ein sonderbarer Einzelfall vor. Und meine Laune besser sich während der gesamten Fahrt über.

Heute dachte ich zwar nicht daran wie alle Kinder plötzlich auf Grund der aufregenden Situation ihre Mägen vor mir entleerten aber ich wußte, ich war mit all meinen Ersten-Schultagssorgen nicht allein und je aufmerksamer ich im Bus mich umsah umso offensichtlicher erkannte ich die Wahrheit. Das beruhigte, es erleichterte, es ließ mich sodann gleichmäßiger Atmen und mittendrin spürte ich Daisies Gegenwart und hörte sie lachen.

 

In der Schule, in den ersten Unterrichtsstunden, ging es weniger streng, geordnet, eher locker und versucht organisiert zu als ob die Lehrer einen enervierten Affenkäfig zu bändigen versuchten. Es war lustig, sehr, obwohl ich zwar starr wie ein Eiszapfen dasaß und die anderen wild herumalberten, Gespräche neben all den erlebten Geschichten aus den Ferien, die sie sich gegenseitig erzählten, herumflogen und ab und zu jemand mir einen Blick zuwarf, gaben die jeweiligen Lehrer ihr Bestes, um den aufgedrehten, überreizten Radau soweit als möglich Herr zu werden. All die Stimmen, all die verschiedenen Laute ähnelten einem aufgeweckten Konzert und die einzelnen kursierten Geschichten glichen den separat vorgetragenen Stücken. Ein Tisch, die über ihren Skiausflug redeten, waren die erste und die zweite Geige; woanders hörte ich Kinder über ihre großartigen Weihnachtsgeschenke reden, sie waren das Cello, ein paar Jungs, die Rekorde bei einem Videospiel verglichen bildeten den Bass usw.! Die gesamte Klasse war ein munter gespielter Orchestergraben und von überall, wohin ich mein Profil neigte, die Ohren spitzte, bekam ich Geschichten über Geschichten zu hören. Von Ausflügen in die Berge, die zwei Mädchen sich erzählten. Von einem spannenden Videospielabend, woran sich eine Gruppe Jungs gerne erinnerte. Eine kleine Gruppe Mädchen hatte ihre unlängst abgehaltene Pyjamaparty als Thema.

All diese harmlos schönen Erlebnisse, all diese netten kuscheligen Erinnerungen hörte ich an und fühlte mich in meinem Alleinsein bestätigt.

Doch inmitten dieser Flut an kleinen alltäglichen Abenteuern war ich froh, daß ich, obwohl nicht selbst einen Berg bestiegen oder auf Skiern gestanden, durfte doch auch in all diesen akustisch ausgetauschten Neuigkeiten dabeisein und fühlte mich doch auf eine vielleicht abwegige Art und Weise – ausselektiert und doch integriert – als ein eigentümlich angenommener sozialer Teil dieser Klassengemeinschaft. Hier mochte ich mir zwar sehr viel hinzudenken, um mir die faktischen Umstände schönzureden, aber das hatte ich auch das gesamte letzte Jahr über getan.

„Wenn dir zwischen den Stunden langweilig wird oder auch während den Stunden, kannst du mir gerne eine SMS schreiben“, hatte mir Daisie schon früh als wir unser erstes Handy bekamen vorgeschlagen und es lag ihr viel dran, denn da wir in unterschiedliche Klassen eingeteilt worden sind – auch auf Grund des Altersunterschiedes – wollte sie auch während der Unterrichtsstunden mit mir unsere Geheimnisse erweitern. Wir haben zwar nicht viel, doch auch einige SMS geschrieben, obwohl vorschriftsmäßig – also von der Hausordnung her – ein quasi Handyverbot in den Klassen herrschte, haben wir uns dennoch sehr oft Kurznachrichten geschrieben, uns ausgetauscht und die Stunden dadurch aufgelockert.

In den Niederlanden waren die Lehrer, wären wir erwischt worden, nachsichtiger als in Österreich, wo die Abgabe des Handys als logische Konsequenz hervorgegangen ist. Und ja, sicher, Daisie und ich sind ein oder zwei Mal aufgeflogen aber hinterher, am Ende des Unterrichts haben wir unsere Handys wieder zurückbekommen und da es kein Prüfungstag war – hier sind Daisie und ich besonnener gewesen waren unsere niederländischen Lehrer in diesem Zusammenhang auch gnädiger eingestellt. Immerhin gaben wir keine Testergebnisse weiter sondern führten einzig ein Schwesterngespräch, das man zwar auch in die Fünf-Minuten-Pause verlegen konnte, aber niemand konnte mir verbieten meiner Schwester zu schreiben wie lieb ich sie habe. Und da ich ausgesuchte SMS vorlas waren meine Lehrer hinterher eher gerührt als auf Bestrafung aus.

Am ersten Tag bin ich mit meinen Mitschülern schlecht warmgeworden wie man sagt, während sie ihre diversen Ferienkapitel sich erzählten, hatte mich niemand gefragt wie es mir in den Wochen ergangen ist. Ob ich, hätten sie mich gefragt, ein Wort herausgebracht hätte war ich mir selber unsicher. Unser Klassenvorstand hörte sich zwar in Kurzform einige Szenen von einigen Schülern an aber nicht alle, da wir um die zwanzig Kinder in der Klasse sind, konnten somit an die Reihe kommen. Über den Schnee waren wir allesamt erfreut, obwohl ich meine unsere Frau Klassenvorstand spielte ihre winterliche Zufriedenheit bloß, weil sie als Autolenkerin doch auf den matschigen Straßen unterwegs sein mußte aber uns gegenüber ließ sie Rücksicht und auch Nachsicht in dieser erregenden Sache walten. Kinderaugen sehen schließlich anders!

Und so ging der erste Schultag nach den Weihnachtsferien vorüber! Ein neues Jahr ist angebrochen, ein paar meiner Mitschüler waren Januarkinder, ein Mädchen sogar ein Silvesterbaby, und sie freuten sich nun endlich auch vierzehn Jahre geworden zu sein und im letzten Jahr der Mittelstufe. Auch für mich ist es das letzte Jahr und danach, was wird danach kommen und vor allem, wo werde ich nach dem Sommer sein?

„Wenn du erst in der Oberstufe bist werden wir noch mehr Spaß zusammenhaben“, schallte mir die Stimme meiner Schwester durch den Kopf. „Nicht nur weil du meine alten Schulsachen als Vorlage benutzen kannst, soviel wird sich an Stoff nicht ändern, nicht wenn du dieselben Lehrer wie ich kriegst, auch werden wir im selben Gebäudetrakt sein und uns noch öfters sehen als jetzt. Das wird spitze und großartig werden, Fairie.“

Damals sind wir noch in Österreich, in Graz, auf die Schule gegangen und der gesamte Gebäudekomplex umfaßte Mittelstufe und Oberstufe. Das ist hier in den Niederlanden, zumindest auf meiner jetzigen Schule, nicht anders und wo ich vor Begeisterung seinerzeit es kaum noch aushielt bekomme ich nun in Vorschau auf das kommende Schuljahr eher Bauchschmerzen als Vorfreude. Daisie und ich hatten so vielen Pläne gemacht, mehr an Ideen ausgeheckt wie wir unsere gemeinsame Oberstufenzeit verbringen wollten. Daisie wollte mir auch weiter bei den Hausaufgaben helfen, sie konnte mir auch Tipps und Tricks für die jeweiligen Lehrer verraten, wie ich Zwischenpunkte sammeln konnte, ob beim mündlichen Zwischenmelden oder Zusatzprojekten, immerhin kannte sie die Mucken, Macken und Allüren der jeweiligen Lehrkörper von ihrer Schulzeit her auswendig und für mich als kleine Nachzüglerin war es ein immenser Vorteil. Aber vor allem würden wir uns noch öfters sehen weil wir nicht mehr in abgetrennten Gebäudeflügeln untergebracht sind sondern entweder ein paar Klassenräume weiter oder im schlimmsten Fall ein Stockwerk darunter. Im Großen und Ganzen, da waren wir uns einig, stand uns eine interessante, auch dynamische gemeinsame Schulzeit bevor.

„Ob ich die Oberstufe schaffen werde?“, seufzte ich vor Daisie als wir wiederum das Thema Oberstufe ansprachen und in Angriffe nahmen.

Daisie packte mich an den Schultern, hob mein Kinn an, etwas nur, sodaß ich ihr direkt in ihre zauberblauen Augen sehen konnte und mit einem herzallerliebsten Lächeln hauchte sie mir Mut und Tatkraft ein. „Wenn du anfängst an dir selber zu zweifeln, dann hast du schon verloren!“

 

Es gab an diesem ersten Schultag keine Hausaufgaben außer eben Oma und Opa alles von meinem Tag zu erzählen, was ich auch – beschränkt auf die weniger aufsehenden erregenden Episoden – getan habe. Mein armseliges Selbstmitleid zwischen all den Stunden habe ich ausgelassen.

Also berichtete ich in Längen von den Erfahrungen meiner Mitschüler, die allesamt unterschiedliche Ferien erlebt hatten, Gipfelkreuze berührten oder auf Skiern eine Piste hinuntersausten oder von dem Neujahrsgeburtstagsmädchen. Leicht verdauliche Geschichten wie ich selber fand.

Meine Einsamkeit zwischen den Seiten ließ ich vorne weg, damit wollte ich Oma und Opa auch beim Mittagessen nicht beunruhigen sondern bezog mich mehr auf meine Mitschüler, staffierte meine Sinneseindrücke dadurch aus indem ich zwar von meiner anfänglichen Nervosität sprach, die zwar anhielt, aber ich trotzdem nicht weiter ausführte. Insgesamt erweckte ich von mir einen guten Eindruck, der sie nicht darauf schließen ließ, wie wenig ich in der Klasse mich zurechtfinde, mochte meine Noten bisher auch gepaßt haben, und wo meine Lehrerin bei den Elternabenden zwar meinte, ich tue mir schwer mich in eine Gruppe einzufinden oder sozialen Anschluß zu finden, so führte sie es letztlich doch auch auf die primäre Veränderung zurück -, auf den Umzug, auf all die Umstellung und wie schwer es ist nach Jahren der Abwesenheit wieder Fuß in seinem ehemaligen Heimatland zu fassen. Eingewöhnungsphase hat sie es bezeichnet und meine Eltern brachten keine Widerworte ein!

Ob meine Lehrer von Daisie wissen? Ob meine Eltern es ihnen erzählt hatten, besuchte ich zwar eine andere allgemeine Schule als seinerzeit mit Daisie zusammen, aber bisher hatte niemand der Lehrer eine Anspielung bzgl. meiner Schwester gemacht oder ich habe es schlicht übersehen.

Meine Eltern wählten bewußt eine andere Schule aus, auch in Anbetracht der Tatsache, daß ich eben nicht mit Fragen um Daisie täglich bombardiert werde, da doch ihre Mitschüler inzwischen in die höheren Klassen gingen und ich ihnen wohl oder übel über den Weg laufen werde.

In dieser Hinsicht, wohl auch auf Anraten meiner ehemaligen Psychologin, diente es letztlich mehr dem Schutz und Förderung meiner Genesung.

 

Nach dem Mittagessen riefen unverhofft Mama und Papa an. Über SKYPE durfte ich sie sehen und es hat mich gefreut, sehr sogar, das mein Herzelein einen Sprung machte, ganz hoch, ganz weit, mir so unbeschreiblich warm und wohl zumute geworden ist und der erste Schulte, obgleich mit seinen hürdevollen Herausforderungen, zwar einen frostigen Nachgeschmack hinterließ, den ich aber sogleich in einem Stück hinunterschluckte. Bin ich zuvor noch niedergeschlagen gewesen wollte ich mir diesen Ausdruck wie mit herzlicher Seifen vom Gesichte abwaschen.

Papa fragte mich wie es mir geht, danach wollte er alles über meinen ersten Schultag wissen und ich habe eine ähnliche Nacherzählung wie zuvor bei Opi und Oma vorgetragen. Die Schule sei in Ordnung, alle in der Klasse seien nett, die Lehrer haben und für Heute noch eine Schonfrist gegönnt aber uns schon auf die kommenden Tage vorbereitet, denn es sind schließlich nur Weihnachts- und keine Sommerferien gewesen.

„Überanstrenge dich aber nicht mit lernen, Schätzchen“, riet mir Papa eingehend. Sein Gesicht wirkte müde, hatte er abgenommen?

„Ißt du auch genug Papa?“, fragte ich ihn gleich vorneweg weil er, auch an seiner Stimme heraushörbar, mir etwas zerknirscht vorkam.

„Hey, diese Frage sollte ich dir eigentlich stellen“, drehte er somit den Spieß um, kniff die Augen zusammen und setzte ein Lächeln auf, von dem ich nicht wußte, ob er es ernst meinte oder bloß seine Sorgen überspielen wollte. „Oma und Opa haben bestimmt nichts dagegen, auch wenn Weihnachten vorbei ist, wenn du dir noch einen Nachschlag an Keksen holst schließlich bist du noch am Wachsen und braucht deine Kalorien.“

Papa brachte mich sogleich zum Schmunzeln: „Andere Mädchen in meiner Klasse hätten dir nach solch einer Aussage einen Vortrage gehalten, von wegen Kalorien, Kekse und Zunehmen, das kann ich dir sagen aber ich werde deinen Ratschlag berücksichtigen, Papa, versprochen.“

„Das weis ich doch“, lehnte er sich in seinem Sessel zurück, kämmte mit den Fingern durch sein schwarzes Haar, und runzelte etwas die Stirn.

„Papa“, fing ich vorsichtig an und klang als würde ich eine große Bitte äußern wollen, was ich letztlich auch tat. „Wann kommt ihr wieder nach Hause?“, fragte ich schließlich, obwohl ich mir die Frage hätte sparen können, aber ich klang so weinerlich, daß Papa mir zuhören mußte.

Papa seufzte, ein tiefes, herzergreifendes Seufzen. „Mama und ich…wir…weist du…wir müssen uns noch über vieles einig werden. Aber Fairie, mein Liebes, wir denken jeden Tag an dich und du bist uns nach wie vor das Liebste auf der Welt, das mußt du uns glauben. Tust du das?“

Vor Papa nickte ich, es tat mir im Herzen weh ihn so zerbrechlich zu sehen, wehmütig und entmutigt. „Das Liebste auf der Welt“, wiederholte ich ebenso sanfttönend. „Damit meinst du auch Daisie, nicht wahr, Papa?“, hakte ich nach und brachte den Namen meiner Schwester mit ins Spiel.

Papa guckte mich still und regungslos an, seufzte ein weiteres Mal bis er aufatmete und nickte. „Natürlich Fairie. Damit meine Daisie und dich. Wir lieben euch Beide sosehr. Ihr seid jederzeit in unseren Gedanken. Mama und ich brauchen aber noch etwas Zeit für uns. Verstehst du?“

Jetzt, wie schwer es mir auch fallen mochte, lag es an mir zu nicken, Verständnis zu zeigen, erwachsen zu denken und es war Zeit vernünftig zu sein. „Ja, Papa, ich verstehe!“ Entschuldige, wenn ich immer wieder nachfrage, aber ich vermisse euch sosehr, das es mir im Herzen wehtut.

Als wir merkten, das Mama online war, ihr Profil auf SKYPE aufpopte, verabschiedeten Papa und ich uns mit einem Kuß auf die Kameralinse.

Mama rief mich an und sowie ich sie über ihre Laptopkamera erblickte bekam ich einen kleinen großen Schrecken wie ein Frostschauer, der mir über die Wirbelsäule quer über den Rücken lief, um die Nervenenden schlang und mir eine elektrische Ladung über die Synapsen ins Gehirn jagte. Mama sah sehr dünn aus, eigentlich dürr, hager, ihre Wangenknochen traten deutlich hervor und der graue Schatten um ihre Augenränder sah alles andere als gesund aus. Ihre hübschen Augen glänzten, ein eindeutiges Zeichen, daß sie Minuten zuvor noch geweint haben mußte.

„Hallo Mama“, sagte ich mit frischen Mut. „Wie geht es dir? Ich habe vorhin mit Papa telephoniert und…und…(wie hast du Silvester verbracht)“, dies wollte ich sie fragen, traute mich aber nicht, doch anhand meines weichen, sehr fragilen Untertons rückte sie näher an die Kamera heran.

„Wie geht es dir, Fairie mein Schatz?“, fragte sie mich mit einem Mitgefühl, das mir Tränen in die Augen trieb, als wollte sie sich entschuldigen aber keine treffenden Worte dahin fand. „Wie war dein erster Schultag und habt ihr schon Hausaufgaben bekommen?“, fragte sie weiter wie jemand, der sich mit Worten einen Berg hinaufkletterte, Stück um Stück, mühselig und mit Anstrengung in der Zunge und beim Luftholen.

„Mir geht es soweit ganz gut, glaube ich“, begann ich leise, langsam und kontrolliert zu sprechen, setzte mich bequem aufs Bett und rückte den Laptop zurecht. „Wir bekamen keine Hausaufgaben, noch nicht. Es war erst der erste Schultag, Mama, da werden uns die Lehrer nicht fordern.“

„Verstehe“, sprach sie, mühte ein Lächeln auf ihren Mund und der Lampenschein zeichnete ihre Gesichtszüge scharfkantiger als noch zuvor.

„Mama?“, alarmierte mich ihr eingefallenes Bildnis, auch weil ich wußte, das sie noch immer Medikamente nahm weil ich die Päckchen und Fläschchen im Hintergrund auf der Kommode stehen sah. „Wie geht es dir wirklich? Du wirkst sehr müde auf mich. Was sagt dein Arzt dazu?“

Mamas Blinzeln, schwer und bleiern, überraschte mich nicht, auch als sie sprechen wollte und keinen Ton fand bis sie es beim nächsten Versuch schließlich schaffte und sich dabei an ihren langen schwarzen Haaren festhielt als ob sie einen Strohhalm für diese Geste benötigte. „Mach dir keine Sorgen, mein Schatz“, hauchte sie fast tonlos. „Bei den Ärzten bin ich gut aufgehoben und die Arbeit lenkt mich auch soweit ab, weist du.“

Wieso glaubte ich ihr kein Wort. Wieso sagte sie mir nicht die Wahrheit und nun verstand ich auch Papas besorgten Gesichtsausdruck von vorhin, den er vor mir tunlichst verbergen wollte, da er auch neben mich an Mama dachte und anscheinend wußte er selber nicht über ihren eigentlichen Zustand Bescheid. Was verheimlichte sie mir? „Mama, ich weis zwar nicht, was deine Ärzte sagen aber vielleicht solltest du weniger Medikamente nehmen“, riet ich ihr mit meinem laienhaften Hausverstand, auf ihr Wohl bedacht und als sie merkte, ich schielte auf die Päckchen mit den Pillen – ihren Antidepressiva – im Hintergrund, hustete sie gekünstelt und rückte die Laptopkamera in ein anderes Licht, fort von den Pillen.

„Bitte Mama“, klang ich besorgter noch als zuvor, denn ihr glasigen Augen, ihre kraftlose Haltung ließ mich handeln. „Kannst du mir diesen Gefallen tun. Es muß doch auch ohne gehen. Ich sehe doch, sie tun dir nicht gut und ich bin mir sicher Papa ist es auch längst aufgefallen“, wollte ich weiter auf die einwirken, all meinen Sorgen Luft verschaffen. „Mama“, raunte ich halb den Tränen nahe, setzte mich auf, blinzelte ein paar Tränen fort und musterte ihr blasses Gesicht inmitten des Lampenscheines. „Ich hab dich so lieb und ich will, daß es dir wieder bessergeht“, brachte ich schließlich hervor und wußte, das ich hier ein Ding der Unmöglich erbat, es Mama seid sie ihre Pillen einnahm keinesfalls besser ging sondern sie immer weniger Gewicht auf die Waage brachte und inzwischen fast genausoviel wog ich selber. Es kann ihr unmöglich gutgehen.

„Zerbrich dir nicht den Kopf um mich, Liebes, hörst du. Papa und ich brauchen einfach die Zeit bis wir wieder gute Eltern für dich sein können“, lenkte sie sogleich vom gegenwärtigen Thema ab, obwohl es doch im direkten Zusammenhang steht und indirekt wiederholte sie Papas Worte.

Ob Mama noch immer in Therapie war, zu ihrer Therapeutin ging, wußte ich nicht, aber ich vermutete, daß sie noch regelmäßig ihre Sitzungen besucht, denn irgendjemand mußte schließlich das Rezept für ihre Pillen ausstellen und unterschreiben, obwohl sie meiner Mama eher schaden.

In ihren Augen erkannte Verzweiflung jene ich auch oft bei mir erkenne sobald ich in den Spiegel schaue. „Ich denke Daisie hätte nicht gewollt, daß du dich schlecht fühlst“, sagte ich kurzum, brachte ihre Pupillen dadurch in Aufruhr und sie hielt den Atem an, bloß um danach noch hastiger einzuatmen sowie mich nach einem tiefen Seufzer schwermütiger in Augenschein zu nehmen. Sie tut mir leid, es tut mir unendlich leid sie so zu sehen. Zu wissen, sie leiden jeden Moment schrecklich und je mehr Pillen sie nimmt, umso weiter weg von mir kommt sie mir vor. Papa hätte bestimmt etwas unternommen, aber er ist in den Niederlanden, Mama in Österreich und ich bin irgendwo dazwischen und komme mir nutzlos in all den Dingen vor. Was bin ich derzeit außer ein Kind zwischen den Stühlen, bangend um die Gesundheit meiner Mutter und die Kraft meines Vaters. Daisie hätte sicher eine Lösung gewußt, ganz sicher sogar, aber ich bin nicht meine Schwester und darum kann ich bloß nur zittern.

„Daisie hätte mich angelacht und gemeint, daß es jede Spinnerei heutzutage ein Fremdwort dafür und Pillen dagegen gibt“, hörte ich Mama sagen und sah zum ersten Mal soetwas wie ein schiefes Lächeln auf ihrem Gesicht seit wir unser Gespräch begannen. „Daisie hätte mir bestimmt einen Vortrag gehalten, daß ich lieber Smarties anstatt meiner Pillen nehmen sollte weil Zucker mich fröhlicher stimmt als das Pharmazeug. Sie hat mich immer zum Lachen gebracht, auch wenn sie stur geblieben ist, ihren Dickkopf hatte, aber niemand konnte deiner Schwester böse sein.“

Mama herzlich-lieb, sanft-berührend von Daisie reden hören ließ mich gleichsam verstummen, mein Herz selber befragen und ihrer betörenden Stimme lauschend versank ich selbst in einen bunten Reigen aus Regenbogenerinnerungen an meine Schwester, die längst nicht mehr ist.

Vor Mama brachte ich es somit auch nicht mehr fertig ihr Vorwürfe über die Blume zu machen, wegen ihrer Pillen, ihrer Abhängigkeit, die ich mir womöglich nur einbildete, aber da sie unter ärztlicher Aufsicht steht, kontrollieren sie auch natürlich ihre Medikation um jede Fahrlässigkeit auszuschließen. Darum, ich gehe davon aus, werden sie meiner Mama bestimmt nicht grundlos oder aus Spaß und Jux an der Sache ihre Pillen verschreiben sondern nur weil sie davon ausgehen, sie helfen ihr mit der schrecklichen, mit der grausamen Situation umzugehen. Und wenn sie Mama helfen, helfen sie auch Papa, und wenn sie Papa helfen, dann ist schlußendlich uns allen geholfen und wir können wieder eine Familie sein. Jeder hat seine Art mit Trauer und Verlust fertigzuwerden. Jeder erlebt dieses tiefe schwarze Loch auf seine Weise und als ich noch im Spital war, wochenlang mich in mein vergraben habe wie in einen dunklen Abgrund, brauchte auch ich Zeit um zu verstehen was ich unmöglich verstehen konnte. Von einer Sekunde zur Nächsten war meine geliebte Schwester auf ein Mal nicht mehr da, kein Teil mehr meines lebendigen Lebens, obwohl ich sie in Gedanken noch immer umarme, sie küsse, mich sorge und behüte, Daisie im Herzen noch immer wie eine kleine Schwester liebe und sie nie in Vergessenheit geraten wird, so merke ich doch wie sehr das Leben ohne sie mich und alle herum verändert hat.

Meine Eltern, Mama und Papa, lieben uns noch immer und selbstverständlich weis ich, daß sie auch mich noch immer liebhaben sonst würden sie nicht hart an sich arbeiten damit wir wieder eine Familie werden. Vielleicht bin ich noch zusehr Kind, mein Verstand noch zu sehr unterentwickelt, unreif, unerfahren oder wie ein Knospe zu unentfaltet, daß ich mir schwertue zu kapieren wie solch eine Trennung uns allen helfen soll. Insgeheim denke ich mir, was ich mir gestehe aber niemals laut ausspreche, weder zu Opa oder Oma noch vor Papa und Mama, daß es ihnen in der Seele wehtut mich zu sehen weil ich doch auch einen großen Teil von Daisie in mir trage. Andrerseits, denke ich an die unbeschreibliche Freude zurück, die sie mir zu bestaunen und bewundern gaben als ich die Augen im Krankenzimmer aufschlug, sie sahen, daß ich am Leben war, will ich keinesfalls egoistisch sein und mir eingestehen wollen, es liege gänzlich allein an mir warum wir derzeit diesen Einschnitt der schmerzlichen Distanz durchleiden. Die Zeit heilt bekanntlich (alle) Wunden…ich weis nicht, ob der Verfasser dieses Sprichwortes jemals seine Schwester verloren hat, eine Tochter oder Enkelin? Niemand kann in die Zukunft sehen und darum weis ich unmöglich, wann sich das Blatt wendet, wann der Schmerz sich lindert, wann das Herz beginnt zu heilen oder auch, wann die dunkle Traurigkeit wieder ein helles Lächeln zuläßt!

9.1.17 15:51

Letzte Einträge: Alltägliche Herausforderungen, Im Wandel der Perfektion, Der beste Freund des virtuellen Ichs!, Mal gewinnen, mal verlieren!, Online-Feste, Shows & Events, Schwesterherz an Schwesterherz!

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