reflections

Die Melodie von Schneeflocken

Über Nacht fiel Neuschnee auf die Region hernieder und eine dicke Weißschicht zog Wiesen und Bäumen eine feucht-flauschige Haube über. Im ersten Dämmeranbruch wirkte alles friedlich-schläfrig, ganz unscheinbar und zwischen die Lamellen der Jalousien hindurchgesehen geriet ich leicht ins Schwärmen. Was hätte ich dafür gegeben diesen Anblick mit meiner Schwester gemeinsam Heute zu erfahren, alles und mehr!

Daisie hätte sicher gleich das Fenster aufgerissen, aus dem Schnee am Fensterbrett einen Ball geformt und ihn direkt ins Geäst gegenüber geworfen damit der leise herabrieselnde Schnee einen Hauch von sonntäglicher Verträumtheit preisgibt als wollte sie ein Geheimnis lüften. Doch es gab so viele Geheimnisse, Dinge, die ich meine Schwester nicht mehr fragen kann; Dinge, worauf ich gerne eine Antwort wüßte und stand sie mir früher bei lasse ich nun den gähnenden Atem sichtbar aufsteigen auf daß aus dem müden Gedanken ich stark und gefestigt hervorgehen kann.

Winterkälte ist anders als Herbstkühl oder Frühlingsbrausen, im Winter färbt es die gesamte Landschaft in eine mächtig dominante Unschuldsfarbe, auch in Zeiten, wo kein Lächeln auf die Lippen dringen mag und sämtliche Unschuld im qualmenden Rauch der menschlichen Gier versinkt.

Unterm Fenster war der lauschige Teppich ausgerollt worden, weit und breit und auch soweit wie das Auge sehen konnte. Auf den Ästen lagen Häubchen, beinah symmetrisch, als hätten die Frostfeen ihn eigens in ihrer unnachahmlichen märchenhaften Kreativität dorthin platziert -, es sah einfach atemberaubend hübsch aus. Oder ich bin noch zu sehr Kind, noch zu sehr verwundert, über die mögliche Schönheit der Natur? Kann sein! Daisie hätte mir rechtgegeben, ganz zweifellos, noch etwas kalten Schnee in ihre warmen Hände genommen und ihn in die Baumkronen geschossen und löste sie dabei ein noch eindrucksvolles magisches Schneerieseln aus als ob weißmattes Sternenpulver fiele, hätte sie zu mir in ihrer unvergleichlich brisensanften Stimme gesagt: „Los Fairie, jetzt kannst du dir etwas wünschen!“ Und ich hätte einen kleinen Wunsch formuliert! Bloß einen kleinen, doch dieser würde größer wachsen wie eine Schneekugel, die einen Abhang hinunterrollt und langsam anwächst.

Um mich herum, auch als ich die Wimpern schon halb geschlossen hatte, tanzten Schneeflocken in einem winterlich-süßen Reigen, vom Wind geherzt, von der frühen Stunden beschützt und vom Silberlicht der angebrochenen Dämmerung ganz sacht und liebevoll in den Arm genommen.

Ebenso spürte ich plötzlich mich an Daisies Schulter angeschmiegt, an ihre Brust gelehnt wie ich es früher oft getan habe, auch nur um ihrem beruhigenden Herzschlag zu lauschen, einen Takt, der meinen inneren Aufruhr besänftigte und meinen gehetzten Atemzügen wieder zu einem gleichmäßigen Rhythmus verhalf. In den Armen meiner Schwester schien die Zeit stehengeblieben zu sein und sei es auch nur für einen Moment!

Der bleiche Himmel heute Morgen hat mich beim Zittern beobachtet als ich am offenen Fenster stand, meine Haare bis zu den Spitzen schon mit Flauschweiß verziert worden sind wie helle Seesterne auf einem nächtlichen See sitzen und vom Mondschein schmeichelhaft beäugt werden. Für einen Moment, vielleicht lag es auch daran, daß ich den Atem kurz anhielt, war die Welt dort draußen völlig still geworden. Nur für einen Moment!

 

Einen letzten Blick warf ich auf meinen Rucksack und dachte an die Schule voraus, an den bevorstehenden Unterricht und auch, daß mit Morgen endgültig die Weihnachtsferien vorbei sind. Morgen werde ich alle wiedersehen. Ein nervöses, sehr bedrängendes Gefühl kam in mir auf als hätte ich einen Soloauftritt auf einer Bühne, Lampenfieber, auch eine ausgesprochene Ängstlichkeit durchzuckte meinen Körper und mein armer Magen bekam Schlagseite. Der erste Schultag. Der erste Schultag nach den Ferien ist immer schwer, komme ich mit meinen Mitschülern eher zwangsläufig aus, obgleich sie wenig mit mir reden sind sie doch nett, ganz anders als in meiner alten Schule, wo sie mir mit Arroganz und Ablehnung gegenübertraten, sind niederländische Kinder viel aufgeschlossener, umgänglicher, sozialer, auch zu jemanden, der sich eher im Hintergrund aufhält und den Mund nicht aufkriegt. Sie dulden mich, das weis ich, zwar reden sie hinterrücks nicht schlecht von mir oder mobben mich, was ich ihnen hoch anrechne, aber es liegt zum großen Teil auch an mir – an meiner introvertierten Einstellung – weswegen ich noch keinen Anschluß und so auch och keine Freunde gefunden habe. Mit Daisie an meiner Seite würde es mir leichter fallen, gebe es solch ein Problem auch gar nicht, aber ohne sie bin ich weniger ICH und komme mir verloren vor. Es ist als sei ich in der Mitte zerbrochen und auch uneins!

 

Auf den Weg ins Badezimmer vernahm ich etwas Seltsames. Mitten im Gehen kam ich zum Stillstand, horchte auf, lauschte hin und hörte Oma Stimme in der Küche. Es war ein leises melodiöses Summen von einem niederländischen Lied dessen Titel mir nicht einfallen wollte, aber selber je länger ich hinhörte hatte ich unversehens Bilder in meinem Kopf, sie rieselten wie Schneeflocken hinter meinen Augenlidern hernieder.

Daisie und ich haben zusammen auch viel gesungen, Lieder deren Text wir konnten und auch Lieder deren Text wir nicht konnten und wir nur mit Summen anstimmten. „Der Text ist auch gar nicht so wichtig, irgendwann werden wir uns nur mehr alle an die Melodien erinnern können“, sagte sie zu mir, drehte sich im Kreis, summte mit mir zusammen wie es Kinder in der Mittelstufe einfach tun und ihre Unbeschwertheit genossen.

„Das ist eine schöne Melodie.“ Daisie hatte aufgehört sich wie ein Kreisel zu drehen und verlor durch den herbeigeführten Schwindel das Gleichgewicht. Dann lachte sie weil sie hingefallen war nur um kurz danach wieder in dieser schwebend niedlichen Melodie vertieft zu Summen.

„Das ist eigentlich kein Lied“, gestand sie mir gleich darauf, „das habe ich eben erfunden, es braucht noch einen Text damit es richtig gut wird.“

Das erstaunte mich sehr, meine Schwester hatte eben eine schöne zauberhafte Melodie gefunden und ich summte sie leise vor mich hin.

„Wieso hat es keinen Text, die Melodie ist doch wunderschön, ich finde da gehört auf jeden Fall ein Text dazu, meinst du nicht auch?“, fragte ich sie eindringlich, aufgeregt, kniete mich zu ihr auf den Boden und rollte kurz mit den Augen als wollte ich sie bedrängen mir den Text zu verraten.

Daisie legte mir ihre flache Hand auf den Kopf. „Für den Text bist du zuständig, Schwesterchen, hörst du. Du kannst viel besser schreiben als ich“, machte sie mir den Vorschlag dabei kniff sie für die Augen zusammen und ließ ihren Mund schmal wirken, wobei sie recht süß aussah.

„Aber ich kann doch keinen Text dazu schreiben“, wehrte ich entschieden ab, das war auch unmöglich, soetwas hatte ich nie zuvor gemacht.

„Klar kannst du“, krabbelte sie auf mich zu und ihr Gesicht war mir ganz nahe. Daisie summte ihre eben erfundene bezaubernde Melodie erneut. „Dir fällt bestimmt etwas dazu ein“, neigte sie das Gesicht schief, ließ ihre blauen Ozeanaugen noch größer wirken als wollte sie mich hypnotisieren. „Jetzt tu’ nicht so als ob dir nicht gerade ein paar Sätze durch den Kopf schwirren, mir kannst du nichts vormachen du Kreativvulkan.“

Heftig begann ich zu blinzeln wie ich es immer tue, wenn ich kurzum überfordert bin und sie sah mir direkt in meine nachdenklichen grünen Augen. „Laß es einfach bei der Melodie, ich bin mir sicher irgendwann wird dir selber ein paar Zeilen dazu einfallen, Daisie“, versuchte ich mich aus der Affäre zu ziehen, doch Daisie ließ nicht locker, rutschte weiter auf mich zu wie ein Löwe seine Beute beäugte und sie beäugte mich sehr.

„Ich will jetzt einen Text von dir hören Fairie“, knurrte sie nun wirklich wie eine Löwin und obwohl sie nur Spaß machte klang es ziemlich ernst.

Also, von meiner Schwester in die Enge getrieben, holte ich tief Luft, beruhigte meinen Herzschlag und schloß für einen Moment der Still die Augen. Alles um mich herum begann zu fließen und zu Daisies feiner Melodie wie Wasser über Kaskaden laufen erfand ich für sie Zeilen.

„Wieviel kannst du in der Zeit verlieren?/Bevor mein Herz dir vergeben kann?/Wieviel Schmerz kannst du in dir ertragen?/Bis ich die Hoffnung finde./Vielleicht eines Tages!/Vielleicht eines Tages wird sich alles ändern./Eines schönen Tages./Und dann werden sich auch die Jahreszeiten ändern./Nichts wird mehr wie vorher sein./Aus Kirschblüten werden Engelsfedern./Und die Sonne küßt den Mond./Eines schönen Tages./Vielleicht?“

Als ich die Augen wieder öffnete war Daisie längst in meinem Schos niedergesunken. Sie hatte mir zugehört, jetzt sah sie zu mir hoch, verträumt und mit solch einem heimlichen Funkeln in ihren Augenwinkeln, welches ich zu gerne bei ihr sah und ihr Gesicht malte einen ruhigen Frieden.

Sie so daliegen sehen machte mich nervös, vielleicht war der Text nicht gut genug, hatte ich ihre schöne Melodie dadurch Für Immer zerstört?

„Das war einfach traumhaft, Fairie“, hörte ich sie schließlich sagen. „Das ist ein schöner Text zu meinen schönen Melodie, Schwesterherz.“

„Meinst du wirklich?“, fragte ich sicherheitshalber nochmals bei ihr nach, da ich mir nicht mehr so sicher war jedoch wußte ich im selben Moment auch, Daisie sprach die Wahrheit, sie hatte mich nie angelogen und als sie meine Hände in ihre nahm räumte ihr Lächeln jeden Zweifel aus.

Wir hatten unser eigenes Lied gefunden, Zeilen ganz für uns allein, das ich selbst nach Daisies Tod gesungen habe, zuerst in Gedanken bis ich das Sprechen wieder erlernte oder die Stimme zu mir zurückkehrte. In den einsamen Nächten im Krankenhaus, wenn es auf der Station ganz still geworden war, habe ich es ganz für mich allein gesungen. Dann trat ich hin zum Fenster, legte die rechte Hand auf die Glasscheibe, wo ich dahinter die zahllosen Sterne sah und wollte mit meinen klammen Fingern das Blinzeln und Leuchten einfangen. Ich habe zur Nacht gesungen, zu den Sternen und zum Mond, zur Kälte in den Stunden und zur Wärme in meinem Herzen. Und ich spürte in der ganzen Zeit die Nähe meiner Schwester! Daisie war jede Frühlingswolke; sie saß auf jedem Sommerstern; sie lachte mir vom Herbstmond aus zu und küßte mich mit jeder Schneeflocke auf die Wange! Daisie würde mich nie verlassen und in den Zeilen unseres Liedes befand sich auch ein Teil ihres Herzens!

 

„Manchmal denke ich mir, ich hätte deinem Vater nie seinen ersten Computer kaufen sollen, seitdem ist er kaum von diesem Ding zu trennen gewesen“, erzählte mir Opa heute Vormittag als ich ihm in der Werkstatt aufsuchte, wo er handwerklich geschickt – er ist ja gelernter Tischler – einen Regalflügel zu reparieren versuchte indem er, wie er mir nebenbei erklärte, ein neues Scharnier einbaute weil das Alte ausgebrochen sei.

„Also hat Papa dir nicht geholfen, wenn du etwas früher zu reparieren hattest?“, fragte ich neugierig nach, lehnte am Türrahmen und guckte Opa über die Schulter als er mit Schraubenzieher und Zange hantierte, um das Scharnier in die gewünschte Form zu bringen anscheinend war es schief. Es war noch immer ein bitterkalter Morgen, drum zogen wir uns Jacke und feste Schuhe an als wir nach draußen in die Werkstatt gingen.

Opa zog ein mehrdeutiges Gesicht auf. „Dein Vater war jedenfalls nicht freiwillig dazu zu bewegen sodaß ich ihn manchmal regelrecht vom PC weg und in die Werkstatt schleifen mußte“, feixte Opa und zog eine Schraube an. „Es hat ihn einfach nicht interessiert, was ich verstehen kann. Nicht jeder ist gleich. Nicht alle haben dieselben Interessen und das ist auch gut so, sonst gebe es bloß Tischler oder nur EDV-Leute auf der Welt und wir hätten einen rapiden Mangel an Ärzten oder sonstigen Fachkräften“, erklärte mir Opi einsichtig und seine Sichtweise fand ich vernünftig. „Weist du früher sind dein Vater und ich oft aneinandergeraten deswegen, das hättest du sehen sollen, es ist schon ziemlich lautgeworden, aber sonst sind wir doch ganz gut miteinander ausgekommen und das hält bis Heute an. Wenn jeder ein bißchen nachgibt kommt man sich entgegen.“

„Das kann ich verstehen“, gab ich umsichtig zu, guckte ihm weiter über die Schulter und steckte die Hände dabei in die Jackentasche. „Daisie und ich sind ja auch nicht, wenn wir bei Omi und dir zu Besuch gewesen sind, richtige Handwerker gewesen, vielleicht liegt es auch daran, daß wir Mädchen sind und Mädchen im Allgemeinen mehr hauswirtschaftliche Interessen nachgeben. Nicht alle aber die Meisten eben“, brachte ich Opa meine Perspektive näher, daß ich selber keinen Nagel einschlagen kann, einfach zu dumm oder ungeschickt dafür bin, aber dafür bin ich eben in anderen Sachen gut -, ob Cupcakes- oder Kuchenbacken als Talent gewertet werden kann? Opa hat es vorhin selber gesagt: jeder ist anders!

„Deine Schwester und du seid ja auch Mädchen, ihr müßt euch nicht für technische Sachen interessieren, das ist normal, obwohl ich immer wieder staune wie du den Videorekorder programmierst oder mir bei diesen neuen Flachbildschirmen bei den Einstellungen hilfst“, lachte er erfreut.

„Das habe ich von Papa übernommen“, sagte ich mit einem weichen Lächeln und merkte wie Opa kurz innehielt als er Daisie erwähnte, dann zimmerte er weiter an dem Regalflügel herum, auch um sich scheinbar auf andere Gedanken zu bringen. Daisie und ich sind früher gerne bei Opa gewesen, auch bei Mamas Eltern, aber Papas Eltern in den Niederlanden waren Daisie und mir gegenüber immer mehr aufgeschlossener. Das liegt wahrscheinlich an der offenherzigen niederländischen Mentalität und Mamas Eltern verfolgten mehr eine provinziell konservative Strenge, aber deswegen hatten wir sie nicht weniger lieb. „Papas Fähigkeiten am Computer haben uns in der Schule sehr viel geholfen weist du Opa“, lenkte ich das Gespräch etwas um. „Vor allem in „Informativ und Datenverarbeitung“, auch in „Deutsch“ und sonstwo, da heutzutage alles mit dem PC gemacht wird und so gab Papa sein fundiertes technisches Wissen an uns weiter und wir haben uns in der Schule überlegen gefühlt.“

Opa guckte zufrieden, zog einen Mundwinkel nach oben und sein leicht gräuliches Haar schimmerte im matten Tagesschimmer wie Spinnweben. „Das kann ich mir denken. Für mich wäre das alles zuviel. Ich bin froh, wenn ich den Fernseher aufdrehen kann und das Handy soweit begreife, um euch anzurufen oder eine dieser Kurzmitteilungen zu schreiben. Alles andere übersteigt meinen Horizont aber ich bin mir nicht zu fein um es auch zuzugeben. Sicher, ich würde alles gerne verstehen, aber dafür fehlt mir einfach im Gegensatz zu deinem Vater der technische Zugang.“

„Am PC oder am Handy lernt man nie aus“, gab ich zu verstehen, verlagerte das Gewicht auf den anderen Fuß und sah mich kurz in der Werkstatt um, auf die Regale mit all den Instrumenten, die ich nur teilweise benennen konnte, und überall lagen Kübel, Kabel und andere Utensilien herum. „Ich werde wohl auch nie alles verstehen aber das ist in Ordnung und wie du gesagt hast: solange ich anrufen und SMS schreiben kann.“

Opa zog die Schraube noch etwas am Regalflügel an und dann sahen wir uns einen Augenblick nachdenklich an weil wir an Daisie dachten. Mein Herz klopfte schneller, viel schneller, auch mein gesamter Gesichtsausdruck hatte sich verändert aber ich hielt all mein schweres Seufzen zurück.

Opa war es schließlich, der seine Werkzeuge weglegte und auf mich zukam. Seine Hand lag weich plötzlich auf meiner schlangen Schulter.

„Ich vermisse Daisie auch“, beichtete er mir mit einer traurigen, sehr ergriffenen Stimme. „Du kannst mit mir jederzeit über sie reden, Fairie, ganz gleich wann, hörst du. Wir sind eine Familie und nur weil deine Schwester nicht mehr da ist heißt es nicht, daß wir ihren Namen vergessen werden. Deine Eltern versuchen auf ihre Weise mit dem Schmerz fertigzuwerden aber du brauchst nicht ihrem Beispiel zu folgen und dich ausschweigen. Wann immer dir danach ist, ganz gleich was Oma sagt, rede über Daisie und wir werden dir zuhören, das versprechen wir dir.“

Opas Worte rührten mich, sie drangen tief, brachten mir sein familiäres Verständnis nahe und das er auf meiner Seite ist, obwohl er vor Oma immer nachgibt, aber insgeheim brauchte ich vor ihm mich nicht zu verstehen, das wollte er mir mit seinen einfühlsamen Worten näherbringen.

„Danke Opa“, schluchzte ich schließlich überwältigt, umarmte ihn ganz dolle, und gab ihm einen Kuß auf seine unrasierte linke Wange.

 

Nach dem Mittagessen (das von Opa reparierte Teil vom Regal, also der Flügel, hat tatsächlich wieder mit dem neuen Scharnier gepaßt) haben Oma und ich abgewaschen und danach fingen wir mit dem Hausputzen an. Dies hatten wir uns vorgenommen und Oma half ich gerne dabei.

„Wir arbeiten uns am Besten von unten nach oben“, schlug Oma vor und dirigierte die nächsten Schritte. „Ich werde inzwischen die Fenster putzen und du kannst mit dem Staubsaugen im Wohnzimmer und in der Küche beginnen. Hinterher werde ich feucht aufwischen und wenn du auch oben im ersten Stock fertig bist ist es im Erdgeschoß schon trocken“, koordinierte Oma weiter und mir blieb nur ein zustimmendes Nicken übrig.

Der Staubsauger stand im Vorratsraum also zog ich ihn heraus, ging zur Steckdose und als der Radau begann dachte ich während der Arbeit auch daran, daß Daisie und ich Mama früher auch, zumeist an den Wochenenden, gerne bei der Hausarbeit geholfen hatten, denn: viele Hände machen leichte Arbeit! Zu dritt waren wir schnell fertig und Papa schickten wir wie jetzt Opa einfach den Zimmern damit wir genug Platz hatten.

„Hausarbeit ist Sklavenarbeit, hat Anne Frank gesagt“, lachte Daisie an einem Wochenende, damals mochte sie vierzehn Jahre gewesen sein.

„Anne Frank war ja auch ein kleines Bißchen verzogen“, gab Mama zu bedenken. Mama war genauso wie Daisie und ich eine Lesemaus gewesen, einige gute Buchtipps bekamen wir von ihr und diese begonnene Leseliste haben wir hinterher selbständig erweitert und vertieft. Anne Frank hatten wir schon früh gelesen, seit wir in der Schule das sensible Thema der Judenverfolgung im Zweiten Weltkrieg kurz anschnitten. Die Lehrer gingen mit solch Sachverhalten immer vorsichtig um damit ihrer Schüler zuviel nach Hause weitertragen konnte oder es plötzlich hieß, in der Schule werden rassistische Themen behandelt. In der Parallelklasse ist es vorgekommen, daß sich ein Lehrer rhetorisch vertan hat oder er hat einfach nur ein falsches Synonym verwendet und als ein Kind es seinen Eltern erklärte entfachte es eine heiße Diskussion im Elternrat. Keine Ahnung, was am Ende dabei rausgekommen ist, ob sie eine Lösung, einen Kompromiß oder sowas fanden, irgendwann ist der Grund eingeschlafen. Das „Tagebuch der Anne Frank“ hingegen habe ich ein paar Mal gelesen, auch weil mir Annes Schreibstil gefallen hat, ihre rationale erwachsene Art zu denken und die Dinge zu betrachten, ganz objektiv wie es selten Mädchen in ihrem Alter tun und als sie mit Schreiben anfing war sie sogar jünger als ich es jetzt bin. Beneidenswert, aber ihr Schreibstil, ihre Art zu denken, hat Daisie und mich gleich auf Anhieb stark fasziniert.

„Also ich werde meinen künftigen Ehemann sicher für die Hausarbeit einspannen“, wies uns Daisie entschieden darauf hin. „Es gibt schließlich nicht umsonst den Begriff der Emanzipipation oder wie das heißt“, meinte Daisie und brachte Mama bei ihrer Ausführung zum Lachen.

„Du meinst sicher Emanzipation, also Gleichstellung. Meine Güte, meine kleine Tochter und solch große Wörter“, tat Mama beeindruckt.

„Deinen Vater habe ich bewußt aus der Küche geschickt“, stellte Mama fest. „Bei solch Aufgaben ist Frau am Liebsten alleine und unter sich.“

Daisie schien es gar nicht zu gefallen wie Mama dachte. „Trotzdem“, schnaubte sie auf. „Ein Mann könnte zumindest ein wenig mithelfen.“

Mama sah Daisie erstaunt an, lächelte dabei und die kleine Aufmüpfigkeit ihrer Tochter empfand sie wohl als höchst erheiternd bis amüsant.

„Soll ich Papa hereinholen“, fiel ich dazwischen und brachte meinen Vorschlag als mich Mama plötzlich ansah und eine abwehrende Geste tat.

„Nein! Nein! Laß Papa ruhig draußen, dort ist er gut aufgehoben und kann keinen Schaden anrichten“, bestand sie vehement darauf.

Daisie lachte bei Mamas Formulierung und mir rutschte auch ein Lachen über die Lippen. „Was meinst du Fairie, habe ich trotzdem nicht recht?“, richtete sie nun ihre Frage an mich und wollte meine Meinung auf ihre Seite ziehen. Verlangte sie wirklich, daß ich mich zwischen Mama und sie stellte, also hielt ich kurz den Atem an (jetzt weis ich es wieder, Daisie war damals vierzehn Jahre, ich erinnere mich als sie an ihrem Medaillon herumspielte welches wir ihr zum Geburtstag geschenkt hatten) und ich tat mir trotzdem schwer mich zwischen Mama und sie zu entscheiden.

„Also ich bleibe neutral in dieser Frage“, tat ich erwachsen und benutzte einen Spruch, den ich in einem Film aufgeschnappt hatte, aber insgeheim fand ich schon, Daisie hatte recht und nur weil Mann eben Mann ist braucht er sich deswegen nicht von der Hausarbeit zu drücken.

Daisie boxte mich leicht gegen die Schulter, daß ich etwas das Gleichgewicht verlor und meinte danach: „Du bist eine Spielverderberin, echt!“

Mama fing plötzlich zu lachen, da sie das gesamte Gesprächsthema einfach zu komisch fand, und am Ende doch keine Lösung bei rauskam.

Daisie war mir deswegen, da ich für niemanden Partei ergriff, nicht böse aber als wir später am Abend zusammen in der Wanne lagen haben wir das Thema nochmals aufgegriffen. Eher beiläufig weil wir im Kopf den gesamten Tag nochmals Revue passieren ließen, so auch das Putzen.

„Vor Mama wollte ich es vorher nicht sagen, das wäre zu peinlich gewesen, aber vor dir kann ich es ja erwähnen“, sah sie über eine Schaumkrone zu mir auf, das weis ich noch und für mein gutes Gedächtnis bin ich sehr dankbar. Das gesamte Badezimmer roch fruchtig, nach Schaumbad und Seife. Dann teilte Daisie mir ihren leicht anstößigen Gedanken mit: „Also, wenn ich verheiratet bin oder auch nicht aber einen Freund habe und er möchte am Abend auch Sex haben, dann ist es doch das Mindeste, daß er zumindest ohne direkte Aufforderung im Haushalt mithilft.“

Ihre Denkart brachte mich zum Würgen und ja, vor Mama hätte sie solch eine Aussage nie freiheraus aussprechen können, zumindest nicht so schnell, denn Mama hätte ganz schnell das Thema gewechselt jedoch vor mir -, obwohl ich ihre kleine Schwester bin -, hat sie offen gesprochen.

„Irgendwie schon“, quakte ich leise und das Gespräch war mir nur ein wenig peinlich. „Ich weis nicht, was ich dir jetzt genau drauf sagen soll.“

Das Wasser in der Wanne begann plötzlich heißer zu werden obwohl die Hitze eher aus meinem Körper, aus jeder Zelle zu strömen schien.

„Ist doch klar“, schlug sie mit den Handflächen auf die Wasseroberfläche und wirbelte etwas Schaum dabei auf. „Eine Beziehung ist ein Geben und Nehmen, also Gleichberechtigung, dieses Emanzipizations-Zeug eben, was ich vorhin auch nicht aussprechen konnte. Die Männer wollen ja auch etwas von uns Frauen und da ist es doch ganz normal, nicht zuviel verlangt, wenn er auch mal den Putzlappen schwingt, oder nicht?“

Daisies Wangen bekamen ein rosernes Glühen, meine glühten mehr, aber ihre Augen verrieten wieviel ihr an dieser Richtigstellung lag.

Langsam tauchte ich mit dem Gesicht hinter den rosa duftenden Schaumkronen unter und lugte leicht hervor. „Kann sein, ich hab noch nie drüber soviel nachgedacht, Daisie.“ In diesem Alter war Sex und Beziehung, Freund und Küssen, soweit von mir entfernt wie die Erde vom Pluto.

„Du bist mir keine Hilfe, Schwesterchen“, fauchte sie leicht gekränkt. „Wenn ein Junge mit mir schlafen will, dann sollte er zumindest nach dem gemeinsamen Abendessen, wenn ich gekocht habe, mir zumindest beim Abwasch helfen und nicht die Beine hochlegen“, brachte sie ein neues Beispiel mit ein, das weis ich deswegen noch weil es ihr sehr wichtig war. „Jungs können uns Mädchen zumindest ein wenig Entgegenkommen zeigen und uns beweisen wie ernst es ihnen mit uns ist. Abwaschen ist doch weniger als den Louvre plündern oder einen Berg versetzen. Mama meint zwar, daß ist nicht so wichtig, vielleicht auch weil ihr das Putzen wichtig ist und Papa ihr dabei keine Hilfe ist.“ Daisie sprach gelassen, bedachtsam, das Blau ihrer Augen bekam im Badezimmerschein eine noch betontere Färbung, beachtlich und mitreißend. „Aber trotzdem, wenn ich mal einen Freund habe, will ich, daß er mir, auch wenn er es nur versucht, dadurch zeigt wieviel ich ihm bedeutet, denn wenn er sogar beim Putzen sich abweisend verhält wie soll es erst bei richtigen Problemen aussehen? Kannst du meinen Gedanken jetzt so einigermaßen folgen?“

Wie auf Knopfdruck fing ich zu nicken an, was Daisie erfreute weil ich ihr zustimmte, und hinterher haben wir nicht mehr darüber gesprochen, uns gemeinsames Bad noch ausgiebig und lustig genossen, doch abends haben ich wieder darüber nachzudenken versucht. Wieder und wieder!

Erst Heute begreife ich so richtig, was mir meine Schwester damit zu erklären versuchte, daß die kleinen Dinge im Leben, die wirklich wertvollen sind und denke ich jetzt an die Trennung meiner Eltern von mir, verstehe ich mehr als vorher, wieso Daisie solch eine bildhafte Sprache verwendete. Ich weis nicht wiesehr alles von Früher in Zusammenhang steht, ob der fehlende Kompromiß zwischen Mama und Papa damit viel zutun hat und wir deswegen derzeit keine Familie mehr sind weil einfach dieses kleine essentielle Detail in unserer Beziehung fehlte. Aber ich will einfach nicht daran denken, daß wir Heute nach all der schweren Zeit noch immer zuwenig Familie sind und wir womöglich nie mehr zusammenfinden.

Die Vorstellung Für Immer getrennt von Mama und Papa zu sein, von meiner Familie, würde mir einfach jede Zuversicht rauben und ich will nicht aufhören Hoffnung zu haben. Noch immer, in jeder Sekunde, klammere ich an dieser Hoffnung weil ich sonst keinen Strohhalm mehr habe!

Daisie ist immer umsoviel klüger und weitsichtiger als ich gewesen und vielleicht hat sie es geahnt, einen Blick in die Zukunft riskiert, was alles passieren kann, wenn ein markerschütterndes Ereignis unsere Familie heimsucht, aber selbst sie hätte nie solch Finsternis voraussehen können!

8.1.17 15:44

Letzte Einträge: Alltägliche Herausforderungen, Im Wandel der Perfektion, Der beste Freund des virtuellen Ichs!, Mal gewinnen, mal verlieren!, Online-Feste, Shows & Events, Schwesterherz an Schwesterherz!

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