reflections

Die Melodie des Herzens

Fast jede Nacht träume ich von meiner Schwester und in Rückschau auf den letzten Albtraum, einer von vielen, wodurch mir beigebracht wird wieviel mein Unterbewußtsein noch zu verarbeiten hat, hatte ich zum Teil gestern Nacht auch Angst mich ins Bett zu legen und einzuschlafen.

Es kam anders, nicht einer dieser düstergewebten bedrohlichen Albträume suchte mich heim sondern dieser war anders, angenehm und erfreulich, da er in Gedanken für mich die Zeit zurückdrehte, den Sand rückwärts fließen ließ, und die Jahre wie einen Film gleichsam zurückspulte.

Die Leidenschaft meines Vaters war schon immer Musik gewesen, sie ist es noch, und in unserem alten Haus unterhielt er sogar ein eigenes Zimmer nur mit seinen nostalgischen Schallplatten, Oldies wie er sie nannte, und wann immer wir Papa in seinem Musikabteil spielen hörten sind Daisie und ich zu ihm gegangen, haben uns auf die Couch gelegt bis die Musik einer längst vergangenen Epoche bis zu uns durchdrang.

Vielleicht hat sich Daisies und mein Musikgeschmack ähnlich durch unseren Vater schon damals inspiriert auf diese Art entwickelt. Papa hörte gerne gitarrenlastige Musik, Band wie SLAYER oder WHITE ZOMBIE, METALLICA und all die klassischen Metal-Bands aus den Achtzigern. Aber auch popige Sachen wie NENA oder THE SWEET oder auch STATUS QUO oder auch ALICE COOKER und Papa spielte gerne den DJ für uns, auch weil er wußte, Mama war eher der ruhige Musiktyp, mit uns konnte er seine musikalische Vorliebe bis ins kleinste Details teilen. Dies haben wir von uns vererbt bekommen, darum sind meine Schwester und ich ganz sicher durch Papas Gene auch zu Rock-Röhren geworden.

„Musik kann euch in jeder Lebenslage eine Stütze sein“, wollte uns Papa erklären. „Wenn ihr nach einer Inspiration sucht oder euch fällt zu einem Thema nichts ein, legt einfach eine Platte auf oder wie in eurem Fall eine CD und ihr findet auf die schnelle eine Antwort auf eure Frage.“

Papa hatte recht, das hat uns bei den Deutschaufsätzen sehr geholfen, auch beim Lernen hat uns Musik immer gut beraten indem wir eine Art von geistigen Ausgleich schufen und wir uns einfach treiben ließen. Gute Musik ist wie Wasser, man legt sich hinein, und schon wird man erfaßt.

„Hab letztens auch einen Aufsatz in Deutsch schreiben müssen“, begann Daisie locker zu erzählen während ich auf der Couch an ihrer Schulter lehnte. „Mir wollte nichts einfallen, hab lange nachgedacht, da hab ich mir einfach ein paar Songs von THE SISTERS OF MERCY und THE CURE angehört und schon haben die Ideen nur so gesprudelt“, schilderte meine Schwester begeisternd und ich mußte es wissen, schließlich hat sie zu diesem Zeitpunkt, hatte ich auch einen Deutschaufsatz mit einigen Schlüsselwörtern schreiben müssen, mir vom Quell ihrer Ideen reichlich abgegeben. Das hat mir sehr geholfen, denn der Anfang eines Themas finden ist immer das schwierigste an der gesamten Arbeit an sich.

„Das hab ich gemeint“, hörte ich Papa sagen und eine bläulichschimmernden Augen hat er mit einem intensiveren Farbton an Daisie weitergegeben. Mama hat grüne Augen, blaßgrün, ich hingegen, meine Augen sind eher smaragdgrün und darüber bin ich froh, ich liebe meine Augenfarbe.

„Meine Lehrerin guckt mich bei meinen Gruselgeschichten immer merkwürdig an als ob sie mich demnächst zum Psychiater schicken will“, habe ich Dad beizubringen versucht. „Sie findet ein Mädchen in meinem Alter sollte nicht solch düstere Gedanken haben. Geht es nach ihr sollte ich Schmetterlinge fliegen, Küken aus Eiern schlüpfen und von putzigen kleinen Kätzchen schreiben“, seufzte ich in Daisies weichen Armen.

Papa setzte sich zu uns auf die Couch, die Musik im Hintergrund war ruhiger geworden, ein kleines Gitarrensolo stieg an -, JOY DIVISION „Dead Souls“. Papa schaute mich gutherzig an. „Laß dich von den Lehrern nicht von deiner Phantasie abbringen, mein Schätzchen“, beschwichtigte er meine leicht aufgerührte Gemütslage. „Sie wird dich nichts zum Psychiater schicken, da bin ich sicher sondern dich eher als phantasievoll eintragen. Ähnliche Äußerungen mußten Mama und ich uns auch schon von Daisies Lehrern anhören und was spricht gegen eine literarische Begabung? Niemand kann dich wegen deines Schreibtalents an den Pranger stellen, Fairie, hörst du. Sei stolz auf dich und glaube an dein Talent.“

Papas Worte klangen vernünftig, auch kraftvoll, vor allem konnte ich jederzeit auf ihn zählen, es gab mir Rückendeckung wann immer ich sie brauchte und auch Mama war immer für mich da. Daisie sowieso, sie umarmte mich von hinten und ihre Geborgenheit durchfuhr mich wie ein heilsamer Frühlingswind. „Deine Lehrerin ist einfach mit deinen Gedanken überfordert, Schwesterchen“, wies sie mich zartfühlend hin. „Ich laß meine Protagonisten am Ende auch meistens sterben, es ist ein gelungener Schluß und man braucht sich wenig Gedanken um ein Ende machen“, streichelte sie meine Wange mit ihren Fingern und es mag zwar nur ein Traum gewesen sein, doch ich spürte jede einzelne Berührung.

„Diese Gedanken sind in mir, dann schließe ich die Augen, tippe auf den Hausaufgaben auf der Tastatur und ehe ich sie wieder aufmache habe ich die Seite fertiggeschrieben. Es ist als ob die Worte ganz automatisch zu mir kommen, sie mich finden, umarmen wie du gerade Daisie und dann brauche ich sie nur noch aufschreiben. Sie schweben auf mich zu wie Noten in einem Song und Flüstern mir ihre Geschichten ins Ohr.“

„Das nennt man Inspiration, Kleines“, sprach Papa stolz und legte seine Hand auf meine. „Dafür hab ich selber nie eine Begabung besessen, deswegen bin ich auch EDV-Techniker und nicht Schriftsteller geworden. Ich hab schon immer gern mit Computern gearbeitet und heute verdiene ich mein Geld damit. Eure Mutter ist gut darin Dinge zu organisieren oder zu koordinieren, dafür hat sie ein Händchen und als Büroleiterin kann sie ihr Feingespür bestens einsetzen, wenn sie Ausstellungen auf die Beine stellt oder im Marketing ihre kreativen Einflüsse zur Anwendung bringt“, sagte Papa mit solch einer milden Stimme als würde er eine Ballade vortragen. „Wir haben alle unsere Vorzüge und Eigenheiten, das macht uns Besonders, deswegen sollten wir uns nicht von anderen Menschen abschrecken lassen sondern auf unsere innere Stimme hören.“

Papa zuhören war einfach toll, er baute mich auf und Daisie stützte mich mit ihrer Zärtlichkeit indem sie auch da war und mich an sich drückte.

„Wir sind schon zwei komische Schwestern, was?“, kicherte Daisie vergnügt. „Andere Eltern werden in die Schule zitiert weil ihre Kinder etwas ausgefressen haben und unsere Eltern weil ihre Töchter zu ernsthafte Aufsätze schreiben“, sprach sie und kicherte weiter im Spaß. „Die Schulzeit ist schon komisch. Aber das sind Dinge, die ich später mal meinen eigenen Kindern erzählen kann, daß ihre Mutter zur Rektorin mußte weil sie einen schockierenden Aufsatz geschrieben hat, der das gesamte Lehrerzimmer in Aufruhr versetzte und sogar ihre Eltern alarmiert werden mußten.“ Daisie und Papa lachten darüber, sie nahmen es mit Humor, und mochte es auch der Wahrheit entsprechen, daß Papa und Mama wirklich wegen Daisies Aufsatz zum Klassenvorstand und Rektorin mußten, nahmen meine Eltern es gelassen auf, und hinterher haben sie mir erzählt, daß sie Daisies Lehrer gefragt haben, ob sie nichts besseres zutun hätten als sich über die blühende Originalität ihrer phantasiebegabten Tochter auszulassen. Es gebe doch sicherlich dringlichere Dinge zu erledigen und solange Daisie keine Gefahr für die Öffentlichkeit ist und ihre Worte Schaden anrichten, kann sie niemand für ihren ausgesprochenen Einfallsreichtum verurteilen. Außerdem sei das ganze Treffen somit lächerlich.

Mit solch einer Aussage hatte niemand ihrer Lehrer gerechnet, weswegen das Zusammenkommen schnell abgebrochen worden war, sich die kleine Versammlung auflöste und am Ende der Diskussion und kleinen Disputes war die Sache Daisies Lehrern nur noch ungemein peinlich.

„Heutzutage ist anscheinend schon jeder mit einer eigenständigen Idee abseits der Norm ein Fall für die Zwangsjacke“, scherzte Papa weiter.

„Vielleicht werde ich eines Tages Schriftstellerin, wer weis“, blickte Daisie selbstmotiviert auf und dabei hörte ich ihren Herzschlag pochen.

„Ich dachte, du möchtest Kindergärtnerin werden, das hast du mir doch verraten“, drehte ich mich um und guckte zu meiner Schwester hoch.

„Das will ich auch noch, ganz klar, und davon wird mich auch nichts abbringen, Schwesterchen“, entflammte dieser Wunsch erneut in ihr.

„Und ich weis noch immer nicht, was ich einmal werden will“, schluchzte ich verdrießlich. „Bisher herrscht zu diesem Thema reinste Leere.“

„Ach was, Fairie“, plusterte Daisie die Lippen und gab mir einen Kuß auf die Stirn. „Du wirst deinen Weg schon gehen, da bin ich mir sicher.“

Ihr zuhören, dabei mich sicher aufgehoben und verstanden fühlen, leistete die größte Überzeugungsarbeit, die ich mir je vorstellen konnte und mich durchfuhr in ihrer Nähe solch eine immense Kraft, solch ein Wohlgefühl, als könnte ich Bäume ausreißen und den höchsten Gipfel bezwingen. Mir war stets als gebe es keine Grenzen und der Horizont sei zum Greifen nahe, unweit meiner Nasenspitze und ich bräuchte nur kurz die Hand ausstrecken, da ich wußte, meine Schwester und meine Eltern geben mir Rückhalt und unterstützen mich in allem was ich tun werde.

„Du brauchst du noch nicht zu entscheiden“, meinte Papa anschließend besonnen, tätschelte meine Hand ruhevoll und sein Ausdruck gemahnte mich geduldig zu sein. „Vor euch liegt noch das gesamte Leben. Ihr könnte alles werden, was ihr wollt, eure Mutter und ich werden euch immer begleiten, das wißt ihr. Wir werden bei euch sein, auch soweit unterstützen wie es uns selber möglich ist, denn dafür sind Eltern schließlich da.“

„Danke Papa“, hörte ich Daisie flüstern, überwältigt und mit solch einem strahlenden Lächeln auf den Lippen während der nächste Song in eine schöne Melodie überging, ruhig, stimmig, hinreißend schön wie diese Unterhaltung mit Daisie und Papa mir innerlich Flügel wachsen ließ.

Daisie lächelte mich an, spielte mir meinen Haaren während ich eine ihrer schwarzen Haarsträhnen zwischen meine Finger nahm. Ihr Haar roch nach süßlichem Shampoo, sogar im Traum nahm ich den Geruch wahr, und es war kein Traum sondern eine meiner verschollenen Erinnerungen.

 

Heute Morgen erwachte ich mit einem frischen friedlichen Gefühl ganz tief in mir drinnen und als ich hinüber zum Fenster mich wandte, auf den dünnen indischen roten Vorhang sah, drangen durch die Lamellen der Jalousie schon vormittägliche überraschend helle Sonnenstrahlen.

Als ich unter der Decke mich hervorrollten, hin ans Fenster trat, den Flügel öffnete und die Nase in den Wind hielt umfing mich seine wohlsame Kälte mit einer sanftgestrickten Begrüßung und da ich die tiefergreifende Wärme aus meinem Traum, aus meiner Erinnerung, mitnahm fror ich keineswegs sondern fühlte mich einfach großartig. Sicher, zugegeben, es schwang auch mehr als ein Hauch von Traurigkeit durch, denn ich wußte solch Momente zusammen mit Daisie werde ich nie mehr erleben oder spüren dürfen, aber solange es mir möglich ist möchte ich auch von meinen Erinnerungen leben -, ich möchte meiner Schwester in all meinen Gefühlen nahesein, mich mit ihr verbinden und mein Herz ihr darlegen.

An diesem Morgen, so wußte ich, konnte ich es, denn die gestern noch dusterverschlossenen, dicht geflochtenen Wolkenfelder waren aufgebrochen und statt Graudunst gab es nun ein aufgewecktes entfachtes Klarblau -, ein herrliches Blau wie ich es auch in den Augen meiner Schwester fand. Ein weiter Ozean voller Phantasie, voller Wünsche und auch Neugier, als ob sie die Sterne des Alls in ihrem Blick für mich bereithielt.

Schnee lag noch unterhalb des Fensters, ich sah ihn deutlich, zwar war er schon teilweise geschmolzen, löchrig geworden und die bräunliche Erde drang durch das sonst weiße Wintertuch, aber trotz allem bewahrte er noch diese unverkennbare Eintracht und einen schlichten Stolz.

Es roch nach Natur sobald ich einen Zug nahm, die Luft ganz tief in mich einsaugte, und den Duft von Schnee, von Ästen, von feuchtem Gras und all den sonstigen Gerüchen in mich eindringen ließ, daß es meinen Herzschlag sanft beschleunigte und jede eisige Böe mir gar nichts mehr ausmachte, denn sobald ich zum Himmel aufsah und Daisies Augen darauf wiedergespiegelt vorfand fand ich Frieden in mir drinnen.

 

Erwarte das Unerwartete, heißt es in einem bekannten Spruch und wer in Onlinewelten umherstreift entdeckt auch in den hintersten Winkeln, in verborgenen Arealen, unscheinbaren Nischen plötzliche Bosse und Gegnertypen, die man sonst durchs bloße oberflächliche spazieren nicht so einfach oder auf Anhieb zu Gesicht bekommt. Das macht auch den Anreiz vom Erkunden aus, frische Neugier zu wecken, den inneren Drang nach Neuem und Aufregenden, Originellen sowie auch die allgemeine Wachsamkeit aufmerksam und scharfsinnig gezielt stark zu verfeinern.

„Es sind meist die Kleinigkeiten worauf es ankommt“, erklärte mir auch Daisie oft, vor allem als wir vorm Spiegel standen, uns schminkten. „Achte auf einen sauberen Lidstrich und wenn du merkst deine Hand beginnt zu zittern, dann halte einfach den Atem an, aber bitte nicht zu lange.“

Den Rat habe ich oft befolgt, da ich eine ziemlich unruhige Hand habe, mich daher schwerlich als Ärztin oder gar Chirurgin eignen werde, handhabte ich den Kajalstift oder andere Schminkutensilien für subtile Andeutungen oder verführerische Konturen schon äußerst schlampig oder unpräzise, obschon ich übt, aber letztlich mußte mir meine Schwester doch zur Hilfe eilen und mit ihrer erfrischenden Gelassenheit zur Hand gehen.

„Das lernst du schon noch“, belächelte sie meine kindliche Ungeschicktheit indem sie ein geschminktes individuelles Kunstwerk aus mir machte.

Online in unserem Spiel war sie genauso kühn und wagemutige, immer die Ruhe selbst und bei speziellen Gegnern koordinierte sie die Aktion.

So fand sie immer als Erste die Schwachpunkte der Bosse heraus, wofür sie eine äußerst geschulte, sehr verfeinerte Intuition besaß. Ihr Auge war makellos und dadurch – eben auch ihrem scharfen Auge geschuldet - waren wir als zwei Heilklassen genauso erfolgreich wie zwei Krieger als Ritter oder sonstige Schadensklassen. Heilklassen auf Beutezug, eine Seltenheit, da solch Klassen alldieweil eher als Unterstützung dienten.

„Es ist wie im echten Leben, die Unscheinbarsten sind am Interessantesten“, merkte sie an. „Und wer zuviel Aufhebens um seine Person macht verspielt jeden Anreiz auf sich. Drum werden solch Menschen immer schnell langweilig weil es nichts Neues mehr an ihnen zu entdecken gibt.“

Natürlich wußte ich sie redete von meinen und auch ihren Mitschülern, den Jungs sowie auch Mädchen, den Angebern und Möchtegerns.

„Solch Leute haben aber auch immer einen reinen Fankreis um sich geschart als wären sie die Superstars der Klasse“, ergänzte ich beiläufig.

„Das sind dann wohl eher hirnlose Groupies als ehrliche Fans, meinst du nicht auch“, höre ich sie noch immer sagen. „Menschen, die eine Ausstrahlung von fauligen Kartoffelschalen haben“, sagte sie und der Spruch fiel ihr nur ein weil wir nebenbei am Chipsmampfen gewesen sind.

„Egal in welcher Schulstufe wir sind Daisie, überall werden dieselben in der Klasse angehimmelt“, brachte ich ihr objektiv näher. „Immer sind es die arroganten coolen Kids, die alle schlecht machen müssen, mobben und gleich zuschlagen.“ Leider war es die Wahrheit jene schockierte.

Daisie sah mich keinesfalls verwundert oder groß erstaunt an. „Das liegt daran weil die Meisten sehr oberflächlich sind und nicht weiter als bis zur Nasenspitze denken. Die interessiert nur wieviel Pfund an Schminke sie im Gesicht tragen und bei wem sie in der nächsten Pause an den Lippen kleben“, kicherte sie angewidert sowie mit gespielter Sachlichkeit. „Auf solch einen Ruf kann ich getrost verzichten, das kann ich dir sagen.“

Leider gab es von solch genannten ignoranten oberflächlichen Personen in der Klasse, ob bei mir oder Daisie zu viele und sie werden immer mehr. „Ob mal ein echt netter Junge dabei ist, der von der Norm abweicht?“, fragte ich sie schon teilweise enttäuscht über diese Feststellungen.

Daisie, die gerade am Loot aufsammeln gewesen ist, schaute zu mir her und meinte dann. „Wie heißt es so schön: andere Mütter haben auch...“

„...schöne Söhne“, beendete ich ihren Weisheitsspruch, zog ein schelmisches Lächeln auf und fühlte mich danach irgendwie schon besser.

„Ich bin schon auf den Zeitpunkt gespannt, wann du bis über beide Ohren verliebt bist, dann mach ich ein Photo und rahm es mir ein“, sagte sie mit solch einer Überzeugungskraft, daß sie keine Zweifel zulassen wollte und ihre Stimme klang so stark, entschieden und zukunftssichtig.

„Aber nur, wenn ich dann auch ein Photo von dir machen darf. Ich meine, wenn du mit solch einem verliebten Ausdruck zu mir kommst.“

Daisie hob plötzlich die Hand, ließ ihre Augen weit, blau und groß werden und mit einem High-Five besiegelten wir unser gegenseitiges Versprechen. Leider, das ist die tragische Wahrheit daran, habe ich auch in der Zeit danach meine Schwester nie verliebt erlebt obwohl es kurzzeitige Schwärmereien gegeben hat aber eine echte, herztiefe, wundervolle Verliebtheit war nie darunter, und auch ich bin es bis Heute nie gewesen.

 

 

Während unserer Spielzeit als wir zuzweit auf den unterschiedlichen Maps unterwegs gewesen sind haben wir uns allen Gegnern, die nicht dauergefarmt worden sind (wer zuerst kommt, malt zuerst) gestellt und haben ganz gut und gekonnt brilliert. Wir sind ziemlich stolz auf uns gewesen.

Unter den Gegnern gab es ein mehrköpfige -, ich glaube es waren drei an der Zahl -, Schlange, die Hydra oder so genannt wird und da hat doch ziemlichen Schaden ausgeteilt, uns ins Schwitzen gebracht sodaß wir zwar mehrere Anläufe gebraucht hatten bis sie schließlich obsiegten.

Den Schlachtplan dazu hatten wir uns in der Großen Pause in der Schule zurechtgelegt, uns zusammengesetzt und alles penibel besprochen.

Daisie, meine findige Schwester, höre ich heute noch sagen: „Ich habe etwas mehr HP als du also mache ich den Anfang und zieh Aggro“, schlug Daisie vor. Sie war derartig in ihre Idee vertieft, daß sie sogar ein Blatt Papier hervorgeholt hatte und mit Linien und Strichen war sie vollends in ihrem taktischen Element indem sie die jeweiligen Schritte mir begreiflich aufzeichnete. „Also hör zu: ich ziehe zunächst alle Aggro auf mich du heilst mich so gut du eben kannst und sollte er mich dennoch mit einem kritischen Schlag erledigen, belebst du mich, lenkst die Aggro auf dich solange ich mich durchbuffe und wieder regeneriere, sonst verlieren wir nämlich den Fokus vom Boss. Sollte er dich in der Zwischenzeit gekillt haben, werde ich dich beleben und so weiter, aber solltest du überleben, lenke ich wieder mit vollen HP die Aggro auf mich und du heilst mich weiter. Das machen wir dann solange bis er down ist. Es wird zwar eine Weile dauern aber sonst sehe ich keine Lösung für das Problem.“

Daisie hörte ich zu, notierte alles am Zettel, auch geistig schrieb ich mit all meiner Merkfähigkeit mit und abends wollten wir Daisies Strategie in die Tat umsetzen, abschätzen, ob unser Schlachtplan aufgehen kann oder ob wir uns doch tatsächlich etwas anderes einfallen lassen mußten.

Das Warten bis zum Onlinegehen, in all den Stunden, auch in der Zeit bei den Hausaufgaben saßen wir auf Nadel oder auf glühenden Kohlen.

Als wir es dennoch online schafften gingen wir nach Plan XY vor, liefen durch den Dungeon, erledigten die Nebenmissionen bis wir endlich vorm Boss standen. Kurz warteten wir, verschnauften, holten frischen Atem, denn alles wir so aufregend und abenteuerlich zugleich für uns Beide.

„Also los!“, rief Daisie etwas lauter und es hätte auch ein Schlachtruf sein können aber glücklicherweise hatte uns Mama dabei nicht gehört.

Schließlich und endlich, auch wenn unsere Charaktere Dutzende besiegt worden waren, haben wir am Ende eben auch durch die Taktik meiner Schwester ebenfalls gesiegt. Wielange wir gebraucht haben zählten wir auf der Uhr nicht mit nur, daß wir uns am Ende sehr gefreut hatten.

„Der Plan ist aufgegangen“, jubelte Daisie und sprang vom Bett. „Wir sind die Größten, Schwesterchen“, feierte sie weiter und lachte dabei.

Noch Heute, wenn ich nun alleine vorm Boss stehe, sehe ich meine Schwester neben mir ihre Arme hoch erhebend, ihre Jubelstimme hell und laut, und wie sie zunächst einen Freudentanz aufführte um mir danach mir überschwänglichen euphorischen Vergnügen in die Arme zu fallen.

Wir haben zwar nur einen Boss in einem Spiel geschlagen jedoch, woran ich mich gerne erinnere, ist unsere gemeinsam verbrachte Zeit!

 

 

In der „Stadt der Heiligen“ gibt es neben Werkstätten, dem Rathaus und anderen Vergnügungsorten auch eine Bühne, zumindest haben wir sie immer als Bühne betrachtet, und weil unsere virtuellen alter Egos auch tanzen können haben wir auch manchmal eine kleine Show gegeben.

Es hat rein der Ablenkung gedient, für zwischendurch, zum Spaß- und Zeitvertreiben, um die Kurzweil zu strapazieren oder zum Entspannen.

Im realen Leben sind wir nie in einem Konzert gewesen, ob bei einem Theaterstück oder sonst einer bühnenhaften Veranstaltung, irgendwie hat sich dafür nie die Gelegenheit geboten oder unsere Eltern haben gedacht, dafür hätten sie noch quasi alle Zeit der Welt zur Verfügung.

„Hast du nie geträumt Sängerin zu werden oder in einer Band zu spielen?“, fragte mich Daisie einmal als wir wieder die Bühne im Spiel aufsuchten. „Ich meine jedes Mädchen träumt doch im Grunde davon oder Schauspielerin zu sein“, grübelte sie laut vor mir hin und ich hörte zu.

„Ich kann doch gar nicht singen“, gestand ich enttäuscht von mir selber und wußte dafür hatte ich kein Talent, „und unter der Dusche singen kann man wohl nicht als Start in eine professionelle Gesangskarriere betrachten, das will doch niemand hören wie ein Tier gequält wird.“

Daisie begann zu lachen. „So schlecht klingt dein Gesang nun auch wieder nicht, jetzt übertreibst du wieder“, rollte sie leicht mit den Augen. „Träume sollte man nie aus den Augen verlieren, Fairie, das weist du. Und klar, ich weis, selber werde ich nie Sängerin sein, denn auch ich kann keinen Ton halten, noch werde ich jemals in einer Band spielen, da ich kein Instrument beherrsche, aber sei mal ehrlich: für beides ist es nie zu spät.“ Ihr von diesem Traum zuhören brachte auch meine Augen zum Funkeln und hätte ich zu diesem Zeitpunkt einen Spiegel gehabt, dann hätte ich sicher ein dazugehöriges ehrgeiziges Glitzern bemerkt. Ganz ähnlich wie ich es auch in den Pupillen meiner Schwester erkannte.

Damals sind wir noch jung gewesen, acht und zehn Jahre, und in diesem Alter sind solch großspurig ambitionierte Träume doch erlaubt.

„Vielleicht sollten wir unseren Gesang mal unter der Dusche aufnahmen, nur zum Spaß“, schlug mir Daisie plötzlich übereifrig vor.

Schüchtern, ganz nervös, zuckte ich jählings zusammen. „Solange du nur den Ton aufnimmst geht das klar“, bat ich sie etwas verlegen.

Daisie gab einen einvernehmlichen Laut von sich, setzte ein sanftmütiges Lächeln auf und plante im Kopf schon unsere Tourneen durch Europa. Zu den Gesangsaufnahmen ist es nie gekommen, denn schon nächste Woche hatten wir uns andere Flöhe ins Ohr gesetzt -, ich weis nicht mehr, welch Karriere wir anstreben wollten aber es war wohl ziemlich weit von einer Sololaufbahn entfernt. Aber Kinderträume sind die schönsten Träume! Daisie und ich teilten vieles zusammen, all unsere größten Wünsche, unsere innigsten Sehnsüchtige, sternenglänzende Träume und ebenso auch unsere Herzenshoffnungen! Wir waren uns nicht immer einig, welches Geschwisterpaar ist das schon, das macht eben den Reiz von Schwestern aus, aber am Ende gaben wir uns immer das Versprechen: wir wollten uns im Leben nie aus den Augen verlieren!

Jetzt ist es doch geschehen, Daisie; du bist mir und uns allen vorausgegangen, aber eines Tages Schwester werden wir uns wiedersehen!

 

 

7.1.17 12:21

Letzte Einträge: Alltägliche Herausforderungen, Im Wandel der Perfektion, Der beste Freund des virtuellen Ichs!, Mal gewinnen, mal verlieren!, Online-Feste, Shows & Events, Schwesterherz an Schwesterherz!

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