reflections

Aus den Ruinen meiner Träume

Heute Nacht habe ich wieder von meiner Schwester geträumt. Ein langer und ebenso intensiver Traum. Hinterher wachte ich mit Herzklopfen auf, auch mein Puls, schnell, hart, dumpf pochte zwischen den Schlägen wie ein Dampfhammer oder ein übergequollener Kesseldruck zwischen den Augen. Schon gestern, ganz merklich, spürte ich Kopfweh aufkommen, schrieb ich es zunächst meinen üblichen Menstruationssymptomen zu, die auch schwindel- oder kopfwehbegleitet eintreten, mich hinfällig machen, dünn wie ein Blatt Papier und wie umhergewehtes Laub schwächen.

In meinem Traum gingen Daisie und ich Hand in Hand nebeneinander, um uns erkannte ich halb zerfallene Fassaden, zerstörte Fensterscheiben, gebrochene Holzbänke, Blumenkästen lagen umgekippt auf den Seiten und Tische sowie Stühle waren in die zahlreichen Schaufenster geflogen.

Unsere Schritte führten uns langsam weiter, immer noch durch diese schier gezeichnete Ruine aus Verwüstung und Zerstörung, während Menschen in wilder Panik umherliefen, ihre Schreie ausstießen, und sie baten um Hilfe bei Engeln und Schutz bei Gott, aber weder Engel noch ein Gott war an diesem Tag anwesend als der ohrenbetäubende Krach losging, sich der Himmel scheinbar verdunkelte, und das Monstrum nahte.

Daisies Hand hielt ich fester in meiner, obwohl es ein Traum war spürte ich ihre angenehme Wärme, ihre tröstliche Sanftheit und wie weich ihre Finger in meinen lagen als wir unseren Weg fortsetzten. Daisie, das erkannte ich gleich auf Anhieb, ging barfuß neben mir, einzig bekleidet in einem schlichten weißen Nachthemd wie auch ich es im Spital später angezogen bekommen hatte. Der kratzige Stoff reichte ihr bis über die Kniekehlen aber ihre leichten, beinah schon schwebenden Schritte gingen neben mir in solch einem sorglosen und unbeschwerten Tempo.

Auf den zerbrochenen Glasscheiben erkannte ich bloß Schnipsel des Vorfalls als ob mein Verstand allmählich, sehr angestrengt, Licht ins Dunkel bringen wollte, er angestrengt nach den verlorenen Bildern suchte, die ich tief in meinem Unterbewußtsein zum Selbstschutz verdrängte.

Um uns herum hörten wir die angeschwollene Panik der Menschen in den Ohren schwirren, entsetzliche Schreie, hilflose Rufe, dazu dieser alleserschütternde Krach, der uns Daisie und mir in den Ohren wie meine langsam wiedergewonnenen grausigen Erinnerungen widerhallte.

Die Schatten der Menschen um uns herum bewegten sich langsam, fast wie in Zeitlupe, während die Stimmen in Echtzeit zu uns drangen. Ein widersprüchlicher Kontrast. Die Fassaden der Gebäude glichen klaffenden häßlichen Wunden, lang und breit, tief und abscheulich gleichermaßen. Und als ich an mir herabsah, ich meine blauen Lieblings-Chucks trug dazu Jeans und ein T-Shirt, war Daisie neben mir noch immer schuhlos und in diesem bekannten Krankenhausstoff gehüllt. Unter all den Schreien der Menschen zuckte ich zusammen, es roch nach Rauch, nach Schweiß, nach Gerüchen, die ich zuvor nie in die Nase bekommen hatte und dieser Ort der Zerstörung ließ mich ängstlicher weiteratmen.

„Keine Sorge Schwesterchen, ich werde auf dich aufpassen!“, hörte ich Daisie sprechen, langsam, leise doch auch inmitten all des lauten Gewühls hindurch war ihre Stimme klar verständlich als hätte sie mir ebenso ihre beruhigenden Worte direkt nahe ins Ohr sagen können.

In ihren herzlich-gnädigen blauen Augen lag das einzige Stück Himmel, das ich erkannte, während sonst eine tiefgraue Wolkenschicht die Junisonne verschluckte aber ihr Lächeln, schmal, schön, fürsorglich ließ ich die unerschütterliche Liebe meiner großen Schwester auch im Träume spüren, sodaß es meinen Herzschlag gleichmäßiger stimmte, mein Atmen ruhevoller und noch immer lagen ihre warmen weichen Finger auf meinen als wollte sie mich selbst im Träume noch vor den verheerenden Dämonen meiner Erinnerungen mit all ihrer seligen Kraft beschützen.

Als ich heute Morgen mit schweißbedeckter Stirn aufwachte, mich im Bett aufrichtete, spürte ich zunächst die kaltstehende Zimmerluft wie geschwungene Sensen mir über die Haut fahren. Mein Keuchen, mein schweres Atmen brachte mir die Lunge zum Blähen als wollte es den Körper von Innen heraus zerreißen und wie einen auf den Boden geworfenen Tonkrug zerschmetterten damit er in seinen tausend Einzelteilen nie mehr heilwerden kann. Dann setzte das Zittern ein und die Lippen zusammengepreßt, die Wimpern sinken lassend, fröstelte es mich in der Seele.

Doch auch indessen als ich mit hörbaren Wimmern, schwächlichen Seufzen auf dem Bett saß und der albtraumhafte Schweiß mich dazu brachte mich leblos wie in Eiswasser treibend zu fühlen, spürte ich auch als ich die Hand mir auf die Brust legte, hinter der weichen Wölbung, mein Herz in diesem mitgenommenen sachten Takt schlagen hörte wieviel Wärme und Geborgenheit mir meine Schwester noch zu geben imstande ist. Die Schatten in mir drinnen werden bleiben, sie werde ich wohl nie loswerden weil traumatische Erlebnisse einen begleiten, aber ich kann versuchen mit ihnen zu leben, ich muß mit Diesem Tag fertigwerden weil ich es Daisie schuldig bin für uns Beide weiterzuleben. Meine Erinnerungen kehren in Fragmenten wieder, das ist mir auch in der Klinik von der Psychologin vorausgesagt worden, daß mein Unterbwußtsein die Konfrontation sucht und das Puzzle mit der Zeit zu einem kompletten Bild zusammen will. Allerdings wollte ich daran in diesem Moment, an diesem Morgen nicht denken, sondern einzig an Daisies engelhafte Stimme als sie wärmend sagte: Keine Sorge Schwesterchen, ich werde auf dich aufpassen!

 

Meinen Großeltern habe ich von meiner kraftzehrenden, nervraubenden Nacht nichts erzählt, da ich ihnen keinen unnötigen Kummer bereiten wollte, aber, obwohl ich darüber schwieg, mich in Worten zurückhielt, riet ihnen mein introvertiertes Verhalten zu mehreren Spekulationen.

Heute Morgen gab es Pancakes -, ich mag Pancakes sehr -, dazu Erdbeerkonfitüre und Süßes zwischen den Lippen schmecken hob meine Laune und Omi dankte ich für die köstliche Idee. Die warmen fluffigen Pancakes schmeckten großartig, ganz genau so hatte ich sie in Erinnerung.

„Es ist genug da also kannst du dir ruhig einen Nachschlag holen“, bestand Omi darauf und Opa schwenkte die Gabel quer über den Tisch.

„Das laß ich mir kein zweites Mal sagen“, grinste er und erntete von Omi einen allsagenden tadelhaften Blick, der sich selbst erklärte.

„Damit habe ich deine Enkelin gemeint“, sprach sie rügend auf Opa ein, der mir darauf auch erneut zwei Stück generös auf den Teller legte.

Oh, dazu sollte ich sagen, bei Oma und Opa wird nicht ausschließlich Deutsch oder Niederländisch gesprochen. Es kann auch vorkommen, daß sie einen Satz in Niederländisch beginnen und ihn in Deutsch beenden oder Oma redet Niederländisch mit Opa aber Deutsch mit mir, aber da meine Sprachkenntnisse in den letzten Wochen, da sie teilweise durch meinen jahrelangen Aufenthalt in Österreich leicht eingerostet waren, wieder aufgebessert werden nehme ich das linguistische Training als dankbare Möglichkeit an mich auch in dieser sprachlichen Hinsicht zu steigern. Nächste Woche beginnt wieder die Schule und nicht all in der Klasse sind der Deutschen Sprache flüssig mächtig also muß ich improvisieren. Da es eine zweisprachige Schule ist es den Lehrern, abgesehen vom Niederländisch- oder Deutsch-Unterricht, völlig egal in welcher Sprache wir uns unterhalten, da es sogar Kinder gibt, die neben Niederländisch und Deutsch auch schon Französisch sprechen können weil eben in den Südlichen Niederlanden drei Amtssprachen gängig sind und in ganz, ganz seltenen Fällen trifft man auf Schüler, die sogar Belgisch reden.

„Hast du deine Schulsachen schon zusammengepackt“, fragte mich Omi nebenbei sachlich. „Es ist immerhin das letzte Wochenende.“

„Heute ist erst Freitag Granny“, erwiderte ich und mampfte meine Pancakes weiter. „Dazu hab ich am Sonntag auch noch Zeit genug dafür.“

Omi rümpfte die Nase, das tut sie immer, wenn meine pubertäre Starrsinnigkeit durchkommt. „Also deine Schwester hätte schon längst alles gepackt“, erinnerte sie mich hinterher und ich vergaß den nächsten Bissen hinunterzuschlucken. Ihr Satz brachte mich zum Erstarren, auch Opa guckte sie komisch an als wollte er etwas sagen aber unterließ es schließlich, aber ich wußte, was mir Oma damit ohne boshafte Hintergedanken zu verstehen geben wollte, daß Daisie die Schule immer sehr ernst genommen hat und eine große Schwester sollte immer ein Vorbild sein.

„Ich werde nachher alles Nötige für die Schule zusammenpacken“, versprach ich hoch und heilig mit etwas zerknirschter Pancakestimme.

Oma tätschelte mir den Schopf zufriedenstellend. „Das wollte ich hören, mein Kind“, sagte sie, doch auch bei ihr schwang für eine Sekunde dieser gebrochene Tonfall durch, der uns alle wie wir bei Tisch saßen daran keine Zweifel aufkommen ließ wie sehr wir Daisie allesamt vermißten.

 

Anschließend, etwas mit bleiernen Schritten, ging ich in mein Zimmer, dachte auch an meinen zurückliegenden Traum als ich eine von Daisies Lieblings-CDs auflegte XANDRIA „Sacrificium“ und begann wie von Oma vorhin geraten meine Schulsachen langsam zusammenzupacken.

„Denkst du daran welchen Beruf zu mal ergreifen willst?“, fragte mich Daisie in meinem Kopf und ihre Stimme klang ganz nah und vertraut.

„Ob ich erst in der Oberstufe anfange mir darüber Gedanken zu machen“, habe ich ihr damals geantwortet. „Jetzt bin ich noch unentschlossen.“

Seltsam, daß ich jetzt daran denke, aber wahrscheinlich weil wir uns gestern einen Teil von TINKERBELL auf DVD angeschaut haben, die Reihe um die abenteuerlustigen Nimmerland-Fee mochte Daisie auch sehr gerne -, für Kinderfilme ist man eben nie zu alt -, und da es auch in den Filmen Feen mit verschiedenen Berufen gibt sind wir einmal unweigerlich auch auf dieses Thema gestoßen und haben darüber diskutiert.

„Ich bin mir nicht zu hundert Prozent sicher aber ich möchte später mit Kindern arbeiten“, verriet mir Daisie leidenschaftlich und es flammte schon ein beruflicher Eifer in ihr auf als wir auf der Couch beisammenlagen und den Film guckten. „Kindergärtner wäre toll oder auch Jugendbetreuerin, was meinst du Schwesterchen? Nehme ich mir zuviel vor oder sollte ich es langsam angehen. Sag schon, ich bin neugierig wie du darüber denkst?“, fragte sie mich in einem Alter – ich mochte zehn oder elf gewesen sein, Daisie ein einhalb Jahre älter und ich dachte angestrengt nach.

„Vor allem solltest du einen Beruf wählen, der dir Spaß macht, Daisie, sonst hast du wie Mama nach einem langen Tag im Büro nur Kopfweh oder sitzt wie Papa noch nach der Arbeit Zuhause am PC und tust Dinge für deinen Job“, fiel mir spontan ein und kannte die Berufswelt eben nur durch die Sicht und Schilderungen meiner Eltern. „Aber mit Kindern arbeiten stelle ich mir sehr aufregend vor, Daisie, das meine ich ehrlich.“

Daisie lachte vergnüglich auf weil ich ihren Vorschlag nicht ablehnte, ihn sogar begrüßte, darum war sie noch erquicklicher in dieser Hinsicht.

„Ich weis, ich kann nicht für jedes Kind auf dem Planeten eine große Schwester sein, aber wenn ich sie betreue kann ich ihnen auch eine schöne Zeit bereiten. Ich möchte ihnen helfen sich selber besser zu verstehen, daß es nicht falsch ist einem Traum hinterherzujagen genauso wie ich jetzt davon Träume Kindergärtnerin oder sowas zu werden. Es ist doch schön und toll anderen Menschen zu helfen und sie zum Lächeln zu bringen. Und wer eine wundervolle Kindheit hat nimmt all diese wunderschönen Erinnerungen mit, wenn man älter ist und kann sie weitergeben.“

Damals habe ich nur erstaunt gelauscht wie mich Daisies Gedanken immer beeindruckt haben, mich sprachlos machten weil sie zu besonnen, zu vernünftig und erwachsen klangen als man es von einem Mädchen in ihrem Alter vermuten läßt darum habe ich ihr sogleich auch beigepflichtet.

„Jedes Kind auf der Welt kann froh sein, dich große Schwester nennen zu dürfen, aber laß mich hinterher auch noch ein Stück von dir übrig.“

Daisie nahm daraufhin eines ihrer Plüschtiere, es war eine dieser gelben flauschigen Fruchtfiguren, eine Banane, klopfte mir damit ein paar Mal leicht auf den Kopf sodaß ich ihre Aufmerksamkeit hatte. „Keine Sorge, Schwesterchen, du wirst für mich immer an erster Stelle stehen.“

Dies und nicht weniger wollen kleine Schwestern hören damit sie glücklich sein dürfen und in Daisies Nähe bin ich nie einen Moment unglücklich gewesen!

 

Mittags gab es Spaghetti, ich mag Nudelgerichte im allgemeinen sehr gerne, und Oma half ich beim Kochen, auch beim Pastamachen und hinterher hat es allen gut geschmeckt. Oma war stolz und froh darüber als ich ihr mitteilte, daß ich meine Schulsachen schon im Rucksack verstaut hatte und für Montag bestens vorbereitet bin. Die Weihnachtsferien sind so gut wie vorbei, es bleibt noch das letzte Wochenende, dann beginnt um es mit Opas Worten auszudrücken „der Ernst des Lebens“ und ob ich nervös bin, ja ich bin schon ziemlich wegen Montag aufgeregt.

Zum Glück, diese Signale und Zeichen vermittelte mir mein Körper, ist meine diesmonatige Periode vorbei und die bräunliche Schmierblutung aus geronnenen Blut und Schleimhaut hat mir gleich in meiner Slipeinlage den Beweis gegeben. Wenn ich anderen Mädchen in der Klasse zuhöre haben nicht alle diese zwickenden, kneifenden Krämpfe wie ich sie während meiner Menstruation habe aber jeder Frauenkörper ist anders oder reagiert anders auf die monatlichen Veränderungen, aber abgesehen von dem periodischen Schmerz bin ich doch auch irgendwie froh, daß ich mit mir das Wissen herumtrage irgendwann in Jahren ein kleines Wunder auf die Welt bringen zu dürfen. Dies Geschenk rechtfertigt jede Pein!

Mama hat auch zwei Kinder auf die Welt gebracht und es überstanden! Mama…Papa…sie haben bisher noch nicht angerufen und meinerseits habe ich manchmal hin zum Handy gezuckt, ob ich ihre Nummer wählen sollte, doch im letzten Gespräch habe ich eher Gegenteiliges herausgehört. Für Eltern ist es grausam ein Kind zu verlieren, ob einen Sohn oder wie in unserem Fall eine Tochter, aber auch ich habe eine Schwester verloren und vermisse sie jeden Tag ganz schrecklich. Unser Leben wird nie mehr dasselbe sein, das ist mir bewußt, es ist an diesem Tag ein Teil von uns allen genommen worden, unser Herz gebrochen sowie ein großartiges Licht erloschen. Meine Eltern werden anrufen, mögen sie es auch selten tun, dafür habe ich Verständnis – ich muß es einfach haben -, weil ich weis: es wird nie mehr alles so wie früher sein. Nie mehr wieder!

 

 

Gestern bin ich noch ein Weilchen online gewesen, habe mich auf dem virtuellen Spielplatz herumgetrieben und suchte etwas nach Ablenkung.

Neben dem üblichen Marktplatz auf dem Spieler für die Ingame-Währung ihre erbeuteten Schätze, ob Rüstung, Waffen, Ziergegenstände oder sonstige Dinge feilbieten können, gibt es auch sogenannte Non-Player-Character (kurz: NPC) Händler, die Sachen für das Weiterkommen verkaufen somit einen Levelvorsprung verschaffen oder die eigenen Schwächen in Stärken umwandeln damit man bei den Monster sich nicht gleich unterlegen fühlen muß. Neben den üblichen goldenen kann man auch für rote Münze hier Dinge kaufen und erhält natürlich bessere Qualität.

Uns hat es immer an einen gelassenen Bummelausflug wie auf einem Flohmarkt erinnert, denn der Spielermarktplatz ist der recht teure Teil im Spiel und bis man die Summe für eine ordentlich Rüstung, für eine hochwertige Waffe beisammen hat, dazu auch noch das sonstige Equipment, fordert das Spiel schon eine enorme Geduld und auch investierte Zeit ab. Aber wie im echten Leben wird harte Arbeit auch am Ende meistens belohnt sofern keine Inflation eintritt, denn die Ingamepreise variieren wie im echten Leben und unterliegen gewohnten Kursschwankungen.

Als wir noch kleingewesen sind war Pudding (Milchprodukte im Allgemeinen) auch billiger als es Heute kostet und so verhält es sich auch im Spiel. Aber in der Regel findet man ab und zu auch Schnäppchen, die man dann, sofern die Preise bekannt sind, teurer weiterverkaufen kann.

Früher haben Daisie und ich uns auch auf Flohmärkten rumgetrieben, zusammen mit unseren Eltern oder auch alleine an Sonntagen sobald wieder Saison war flanierten wir zwischen den Ständen umher, wühlten auf den Grabbeltischen und feilschten auch sehr oft mit den Verkäufern.

„Wenn du den Flohmarkt nicht hättest, wärest du zu vielen deiner Lieblingsbücher gar nicht gekommen“, stellte Daisie an einem Sonntag fest.

Und ja, es stimmte tatsächlich, viele Bücher kosteten im Handel soviel wie eine DVD oder Bluray. Zehn oder zwanzig Euro und auf Flohmärkten konnte ich sie für einen Euro ersteigern. „Wie sonst hätte ich meine Harry Potter Bücher bekommen, da habe ich ein Vermögen eingespart“, griente ich selbstzufrieden, denn alle sieben Bücher im Handel kaufen verschlinge einen Großteil meines Taschengeldes. Aber wozu gab es denn Flohmärkte? „Auch meine Wilden-Hühner-Bücher habe ich nur hier bekommen“, fuhr ich weiter fort. „Und sogar den ersten Teil von Hier-Kommt-Lola!“ Den Lola-Film hatte ich auch gesehen, das Buch gefiel mir auch sehr gut, und außerdem bekam ich hier Bücher, die ich im Handel gar nicht fand und wenn, dann in einer schlechten Übersetzung. Denke ich hier an mein Heidi-Buch oder an die Herr-Der-Ringe-Trilogie.

„Gut, daß ich mich bei Filmen besser auskenne als bei Büchern“, informierte mich Daisie nochmals. „Denn ich kann mir ja nicht alles merken.“

Daisie war ein richtiger Filmfreak, das mochte ich sehr, da ich sonst viele gute Filme nicht gesehen hätte und sie im Gegenzug hätte viele meiner guten Bücher nie zwischen die Finger bekommen. „Dafür sind Schwestern doch da“, zerrte ich sie zur nächsten Kartonkiste auf den Boden. „Damit wir uns auch das Denken abnehmen. Was du vergißt, fällt mir ein und umgekehrt. Genauso soll es sein, Daisie, sonst hätte es keinen Wert.“

„Aber, daß dir diese gruseligen Poe-Bücher gefallen werde ich nie verstehen“, guckte sie mich verwundert mit ihren hübschen Ozeanaugen an.

„Und du kannst von Horrorfilmen nie genug bekommen, was eigentlich viel gruseliger ist als ein Buch“, brachte ich meine Ansicht auf den Punkt.

„Wenn du deine Bücher vorliest nimmt alles eine andere Gestalt in meinem Kopf an als wenn ich einen Film schaue“, versuchte sie zu erklären.

„Nur weil dir ein Film einen Teil der Phantasie abnimmt, macht es ihn nicht weniger gruseliger“, gab ich Daisie zu verstehen und wühlte weiter in meiner Bücherkiste, die lediglich zum Großteil nur Hausfrauenromane aufwies. „Aber ich versteh, was du meinst. Bücher, die gut beschrieben sind, regen die Phantasie noch mehr an, wo Filme an ihre Grenzen stoßen, aber wie bringe ich dich sonst dazu mit mir etwas zu kuscheln?“

Wenn ich aus den gespenstischen Geschichten vorlese, ob Poe oder Lovecraft dann tue ich es mit einer besonders reizvollen Erzählstimme sodaß die Zeilen eine noch zusätzliche Bildsprache erhalten und es schon beinah einem Hörbuch gleich als einer Gute-Nacht-Schauergeschichte.

Ich weis noch, daß Daisie hiernach ein Gesicht aufsetzte als hätte ich es verlangt aber sie streckte mir kurz die Zunge raus und meinte dann im Anschluß: „Und du bist diejenige, die sich bei einen meiner Horrorfilme an mich rankuschelst, also könnte ich genausogut dasselbe behaupten?“

Natürlich erlaubte unsere Eltern selten, daß wir uns Filme ansahen, die nicht für unser Alter geeignet waren, aber die Zügel ließen sie in den letzten Jahren immer lockerer und falls ein Verbot folgt, dann guckten wir die entsprechend ausgesuchten Filme mit höherer Altersbeschränkung in unserem Zimmer auf dem Laptop. So oder so ganz konnten es uns unsere Eltern nicht verbieten oder zu jeder Zeit scharf kontrollieren.

Und bei mir war die bizarre Schadenfreude am größten, wenn wir uns Filme ansahen, die sowohl auf Daisie wie auch auf mich einen Schockmoment bereithielten und wir uns gegenseitig in den Armen lagen, uns gruselten, die Zähne in die Zudecke bissen oder gar die Augen schlossen.

Aber wir brauchten keine Horrorfilme um uns nahe zu sein, oft lagen wir auch einfach nur im Bett dicht zusammengerückt beieinander, redeten, tauschten unsere Gedanken oder schütteten uns gegenseitig unser Herz aus. In solch Nächten fanden wir Beide unseren geruhsamen Frieden!

 

 

Aussehen ist in vielen Fällen wichtig, ob nun Klamotten oder Make-up, so kann ist es auch möglich im Spiel selbst aus einer Unzahl von Anziehsachen sich seine Lieblingskombination zusammenzustellen oder man geht zum nächsten Friseur-NPC und wählt sich dort sein Schminksetz aus. Ob nun Lippenstift, Lipgloss, Eyeliner oder Wimperntusche, es ist für jeden etwas dabei, zumindest bei den weiblichen Charakteren ist die Auswahl viel reicher, verständlicher, als bei den männlichen Spielern aber letztendlich ist für jeden Geschmack etwas unter den Outfits dabei.

Früher – Heute nicht mehr – gehörte ich auch eher zu den Mädchen, die an gewissen Tagen schon mal länger im Badezimmer gebraucht haben, Kajal auftrugen, sich putzige Waschbäraugen zeichnete sodaß ich wie eine Animefigur aussah und Daisie ganz verträumt mich angesehen hat.

„Wenn du kein Mädchen wärest würde ich dich sofort abknutschen“, hat sie geschwärmt als ich auch mit dem Frisieren fertiggewesen bin.

„Hey“, habe ich sie dann etwas mißmutig angesehen. „Ich bin deine Schwester, niemand verbietet dir mich auch mal abzuknutschen.“

Daisie gab ein kleines verspieltes Lachen von sich, schnippte mir niedlich auf die Nase und lächelte mich hinterher etwas verlegen an. Zuguterletzt bekam ich noch ein Küßchen für meine frisch mit Puder bedeckte Wange. „So, das muß aber vorerst reichen liebes, liebes Schwesterchen.“

Damals mochte ich elf Jahre alt gewesen sein, ja in diesem Alter ungefähr, und Mama hatte nichts dagegen, daß ich schon Make-up auflegte und experimentierte, auch weil sie wußte, daß ich meiner großen Schwester sowieso alles nachmache also konnte sie es mir gar nicht ausreden.

Daisie sah immer bildhübsch aus, das weis ich noch, sie war immer die adrettere, schönere von uns beiden Schwestern und ihr feines Haar roch immer nach einem fruchtigen Shampoo, ihre Haut nach weicher Seife oder einem angenehmen Parfüm. Diesen Geruch habe ich immer ganz tief in mich eingesogen, denn wer konnte schon behaupten, daß seine große Schwester wie ein sommerlicher Obstgarten dufteten -, auch im Winter?

Daisie hatte nie etwas dagegen, daß ich mir auch mal ihre Schminksachen ausborgte, egal ob verschiedenfarbige Lippenstifte, Parfüms, Cremes oder andere Dinge, in dieser Hinsicht -, da wir uns im Vorfeld immer ausgemacht hatten wofür wir unser Taschengeld aufteilen -, gab es auch somit nie Streitereien oder Probleme und im Übrigen haben wir in ganz seltenen Fällen mal miteinander gekabelt wie es so schön heißt.

Das Verhältnis zwischen Daisie und mir ging über das Band einer Schwester hinaus und wir sind, das kann ich behaupten, seelenverwandt gewesen. Heute lege ich keine Schminke mehr auf, das habe ich mir abgewohnt, es macht mir auch keinen Spaß mehr mich alleine im Badezimmerspiegel zu sehen, denn sobald ich davortrete schaue ich automatisch nach rechts und finde einzig den traurig leeren Platz neben mir vor.

 

 

Wer es für nötig erachtet (Daisie und ich bildeten mit Sicherheit die Ausnahme) kann sich in den Arenen oder vorgesehenen Kampfplätzen einem Kräftemessen mit anderen Spielern aussetzen. Solch virtuelle Muskelspielereien gewinnt im Grunde der Spielen, der die meiste Zeit ins Spiel investiert hat oder eben die größte Summe. Genauso wie im echten Leben sind es überwiegend männliche Spieler, die hier auftreten, sich dem Zweikampf, Gildenkämpfe oder auch Partykämpfe stellen. Im Grunde bringt es nur ein digitales Schulterklopfen und auch ähnliches Prestige.

Daisie und ich hielten nie etwas davon, von solch Angebereien wie am Schulhof, kindisch und brutal, als ob die Welt nicht schon grausam genug ist müssen sich die Player auch Ingame bekriegen und auf die Matte zwingen. Das sehen wir schon in der Schule, Mobbing und dergleichen, Schikanen und einen ungleichen Machtkampf. Da brauchen wir solch pubertäres Verhalten nicht auch noch in einem Online-Game, das ist einfach nur geistig arm und niveaulos, als ob es jemanden etwas bringt – das virtuelle Image aufwertet -, wenn sie jemanden alle Lebenspunkte abknöpfen, das ist purer Schwachsinn. Dies wird als PVP-Kämpfe im Spiel bezeichnet, also PlayerVsPlayer im Gegensatz zu PVE (PlayerVsEnvironment also Spieler gegen Umgebung. PVP ist, um es mit Daisies derben Worten treffend auszudrücken: ein virtueller Schwanzvergleich!

Daisie und ich haben solch PVP-Kämpfe immer gehaßt, auch nie daran teilgenommen obwohl wir sehr oft dazu ermutigt, eingeladen, aufgefordert worden waren, denn auch innerhalb der Stadtmauern, die eigentlich Schutzzone ist, können Spieler solch Duellen für ein Einverständnis zustimmen. Deswegen gibt es auch zwei Server, wo einer davon PK genannt wird, also PlayerKill, und der andere ist demnach also ein Non-PK Server.

Dummerweise, wer sich auf einem PK Server befindet und außerhalb der Stadt herumläuft, der kann sogesehen von anderen Spielern als Freiwild betrachtet werden und gerät man an einem viel stärkeren Gegner wird man eben auch rasch zum Opfer und darf danach Frust und Ärger ablassen. Wir haben es anfangs auch nicht gleich kapiert, sind außerhalb der Stadt oft getötet worden bis wir die Server-Abkürzungen verstanden haben, schließlich haben wir uns hauptsächlich am zweiten Server aufgehalten und sind der Gefahr des umgebracht werdens aus dem Weg gegangen. Auch als wir stärker geworden sind, bessere Ausrüstung beisammen hatten, haben wir nie jemanden rein aus Jux, Tollerei oder Spaß Schaden zugefügt wie es sehr viele andere Spieler getan haben. Das war nie unsere Art zu spielen, gemein, perfide, brutal und unfair zu sein.

Wir haben PVP-Spieler immer verachtet, sind es zumeist geistige Bohnen, die im realen Leben nichts auf die Reihe kriegen und sich im Spiel an Schwächere vergreifen müssen, um einen Kick zu bekommen. Sowas ist einfach nur armselig! Jämmerlich! Absolut verächtlich und auch unreif!

Darum haben wir auch nie Menschen – unsere Jungs in der Klasse eingeschlossen – verstanden oder es nachvollziehen können, die sogenannte Ego-Shooter spielen und auf andere Spieler mit einer Waffe zielen, abdrücken und es ihnen großen Spaß macht, denn wer echte Gewalt erlebt hat, für denjenigen sind solch Spiele einfach nur pure Grausamkeit. Aber vielleicht kann sich der Mensch hauptsächlich nur durch Gewalt selbst definieren? Und solch eine Online-Welt, solch ein Online-Spiel ist eben auch nur ein digital entworfen soziale Spiegel unserer realen Welt!

                                                                     

(Gestern Abend, eher nachts, bekam ich noch eine Mail von Alexa aus ihrem Urlaub in Österreich und schrieb ihr gleich einige Zeile zurück).

 

 

 

6.1.17 14:03

Letzte Einträge: Alltägliche Herausforderungen, Im Wandel der Perfektion, Der beste Freund des virtuellen Ichs!, Mal gewinnen, mal verlieren!, Online-Feste, Shows & Events, Schwesterherz an Schwesterherz!

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