reflections

Roter Januarschnee

In dieser Nacht kam wieder eine gewohnte Übelkeit zu mir, ein Spannen in der Brust, dazu der übliche Veitstanz im Unterleib und mein Körper reagiert immer sensibel auf Menstruationsschmerzen als werde ich an Pferden gebunden in die Länge gezogen. Mitten in der Nacht bin ich aufgestanden, versuchte ich zwar zu schlafen, doch im übermüdeten Taumel ging ich auf die Toilette, schnappte mir einen von den lila/blauen Entsorgungsbeutelchen und warf mein Beweisstück in den Mülleimer, denn den Tampon in der Toilette hinunterspülen ist uns nicht anerzogen worden.

In der Schule ist es natürlich eine andere Sache, da stehen diese kleinen Mülleimer zusätzlich auf der Toilette in den Kabinen, obwohl der Geruch wahrnehmbar ist sobald Luft hinzukommt benutzen sehr viele trotzdem diskret die Klospülung um ihre monatliche Hinterlassenschaften loszuwerden. Keine Ahnung wieweit es ein Mythos ist, daß Tampons die WC-Rohre verstopfen, aber da es auch eine hygienischere Lösung gibt und ich auch so erzogen worden bin halte ich es auch dementsprechend bevor ich das Risiko eingehe alles zu verstopfen -, von der großen Peinlichkeit mal ganz abgesehen.

„Ihr braucht euch für nichts zu schämen“, hat uns Mama immer wieder gesagt. „Also zieht nicht so eine Schnute, das ist alles normal und natürlich, also braucht ihr auch kein schlechtes Gewissen zu haben und derjenige, der euch deswegen Vorwürfe macht, mit solch einem Menschen ist in der Regel sowieso nichts anzufangen“, wies sie uns mit einem kleinen Wortspiel darauf hin und Mama nahm solch Dinge immer locker, dazu mit Humor, weswegen es uns immer leicht und unbeschwert fiel mit unseren pubertären Fragen unsere Mutter in dieser Angelegenheit aufzusuchen. Und wir haben sehr viel gefragt, wo die Zeitschriften oder das „Internet“ bloß Widersprüche von sich gegeben hatten zogen wir die pragmatischen Ratschlägen unserer Mama zu Rate, die mit ihren Töchtern den reichen Erfahrungsschatz teilte und uns nicht im Dunkeln stehenließ.

Es ist gut und wichtig zu wissen, daß man bei solch heiklen Fragen wirklich auch seine Mutter zur Unterstützung heranziehen kann, ganz gleich, ob es einem suspekt vorkommt, was der heranwachsende Körper gerade macht oder ob dieser Schmerz dazugehört oder jenes Befinden auch keinen Grund für Zweifel offenläßt. Daß in der Pubertät auch einiges schiefgehen kann ist nicht erst seit dem Auftreten von TSS bekannt.

„Ich hoffe die Jungs wissen es zu schätzen, was wir Frauen alles durchmachen müssen, nur um später eine Familie mit ihnen zu gründen“, streute Daisie ein Mal zynisch ein als sie mit Bauchschmerzen bei mir auf der Couch lag und wir uns PETER PAN von Disney auf DVD anschauten.

„Wenn ich die Jungs bei mir in der Klasse betrachte bin ich mir sicher, daß sie nicht mal mit Hilfe des Internets wissen, was wir alles monatlich und währenddessen durchstehen müssen“, argumentierte ich an ihrer Seite, rückte ihr die Wärmflasche am Bauch zurecht und hielt ihre Hand.

„Viele sind auch zu sehr mit Angeben beschäftigt“, warf Daisie ein, verzog kurz das Gesicht weil ihr Rücken wehtat bis sie meine Fringer drückte. „Viele von ihnen sind geistig noch immer in der Grundschule und dann beschweren sie sich untereinander darüber, daß sie keine Freundin haben.“ Viele Jungs werden wohl auch als Männer nie erwachsen, was mich an Peter Pan erinnerte, der auch nie erwachen werden wollte.

„Ist bei mir in der Klasse nicht anders“, gab ich Daisie zu bedenken. „Mit ihren Ghettosprüchen versuchen sie uns zu beeindrucken oder wenn sie ihre Möchtegernmuskeln spielen lassen, dabei sollten sie doch wissen, daß uns das gar nicht so wichtig ist, denn kein Mädchen möchte sehen wie ihr Freund richtig zuschlagen kann sondern wie er sie richtig in den Arm nehmen kann. Aber das verstehen viele einfach nicht und machen sich tagtäglich zum Affen und behaupten sich die Schöpfer der Welt zu sein“, sprach ich meine enttäuschten Gedanken laut vor Daisie aus.

„Den letzten Teil von deinem Satz hast du jetzt aber von Titanic geklaut“, grinste sie altklug und ich konnte es nur eingestanden zugeben.

„Paßt doch auch“, erklärte ich anschließend und es machte mir immer wieder Spaß mit meiner großen Schwester für alle Dinge reden zu können.

„Vielleicht sollten wir von den Jungs nicht soviel verlangen“, riet sie mir einsichtig. „Ich meine, wir setzen sie schon so genug unter Druck.“

Daisie setzte ein spöttisches Lächeln auf, seufzte danach schmerzhaft während ich mir ein kleines Knurren von dem grimmigen Krokodil aus dem Film lieh und meinte: „Ach die armen Jungs“, witzelte ich mit gespielter Anteilnahme und brachte Daisie hierauf zum leisen frechen Kichern.

Solch Gespräche, da ich sehr oft daran denke, vermisse ich mit meiner Schwester, wenn ich wie jetzt allein in meinem Zimmer sitze, leise Musik höre, mir die Gedanken durch den Kopf schwirren, sich dabei die Empfindungen überschlagen und der Zeit ihren Lauf nehmen lassen muß.

 

Gestern habe ich mit Oma noch Cupcakes gebacken und hinterher drei Stück verputzt. Oma ist früher als sie noch gearbeitet hat Köchin gewesen also kann sie auch backen aber auch ich bin von meiner Mama gut geschult worden und kann inzwischen schon sehr viel selbständig an verschiedenen Teigmassen zusammenrühren, ob Biskuit-, Kuchen- oder eben auch Cupcaketeig. Es ist bloß eine Frage von Fingerspitzengefühl.

Oma ließ mich auch freundlicherweise viel alleine machen, auch um mir Selbstbewußtsein zu geben, also leerte ich Mehl in eine Schüssel, gab etwas Backpulver, eine Prise Salz und auch Zucker hinzu. Oma schaute mir über die Schulter aber sie ließ mich ganz freimütig gewähren.

„Das machst du großartig“, lobte mich Omi mit einer Stimme, die typisch zwischen Enkelin und Oma ist, mochte ich mir auch wie fünf vorkommen.

Backen hat mir schon immer Spaß gemacht, zu sehen wie aus ein paar Handgriffen, aus einigen rohen Zutaten solch Leckereien entstehen können hatte Daisie und mich schon immer fasziniert. Hier konnten wir unserer Kreativität freien Lauf lassen und uns in der Küche oft austoben.

Entweder haben Daisie und ich zusammen mit Freude gebacken oder an den jeweiligen Geburtstagen, wenn wir zu unterschiedlichen Uhrzeiten von der Schule aus hatten, haben wir uns mit Mama in die Küche begeben und buken einen herrlich köstlichen Geburtstagskuchen. Da wir mit Mama alleine gebacken hatten konnte Daisie mich oder ich sie damit immer überraschen. Zwar wußten wir, daß uns ein Kuchen zu unsren Geburtstagen erwarten würde und auch, daß Daisie für mich und ich für sie einen gebacken hatte, aber wir wußten nicht genau welch Sorte oder wie er genau aussieht. Wir aßen schon immer gerne Erdbeeren, darum ist es zumeist ein schmackhafter Erdbeersahne/Bananenkuchen geworden.

Daisie hat ihre blauen Saphiraugen großwerden lassen, erstaunt getan obwohl sie um ihren Kuchen wußte, und hat sich riesig darüber gefreut.

„Danke! Danke! Danke! Tausendfach danke!“, wirbelte sie an ihrem letzten vierzehnten Geburtstag wieder durch die Küche, fiel uns in die Arme und gab Mama und mir einen liebevollen sanften Kuß auf die Wange -, auch Papa, der netterweise beim Abwasch hinterher geholfen hatte.

Der vierzehnte Geburtstag ist immer etwas Besonderes darum suchten Mama und ich auch ein besonderes Geschenk aus. Wir kauften Daisie ein silbernes Medaillon mit einem Familienbild von uns in der Innenseite. Daisie hat für Freude geweint, ich sehe noch immer ihre Tränen, als sie das in Muschelform kleine Schmuckstück in der Schatulle bestaunte und überwältig, völlig überrascht plötzlich feuchten Augenglanz bekam.

Auch mir, obwohl ich nicht Geburtstag hatte, schossen gleich die Tränen in die Augen weil ich mich sosehr für meine Schwester gefreut hatte.

Das Medaillon hat Daisie niemals abgenommen, sie hat es immer getragen und sehr sorgsam darauf aufgepaßt, es wie einen Schatz gehütet und es immer wieder mit liebsamen Augen bewundern. Daisie hat gespürt, daß Mama, Papa und ich das Geschenk von Herzen ausgesucht hatten.

 

Nach diesem schrecklich grausamen Schicksalstag, der unsere Familie bis Heute entzweien sollte, meinten meine Eltern einige Zeit später, da sie Daisies Sachen vom Krankenhaus ausgehändigt bekamen, daß unter den überreichten Habseligkeiten meiner Schwester das kostbare Medaillon, welches sie sosehr geliebt hatte, nicht dabeigewesen war. Wahrscheinlich, wovon wir am Ehesten ausgingen, war es an diesem Unglückstag, bei diesem furchtbaren Vorfall, der auch mich beinahe das Leben kostete, einfach abgegangen als wollte es ein offensichtliches Zeichen dafür sein, daß unsere Familie nie mehr dieselbe sein wird. Daß all das Glück und all die Freude, all der Sonnenschein in unserem Leben, mit dem plötzlich grauenhaften Tod meiner Schwester wie der Verlust ihres herzensgeliebten Schatzes aus unserer Mitte genommen wurde.

 

Während Oma und ich gebacken hatten, ich in einer Extraschüssel zwei Eier aufschlug, sie mit zerlassener Butter und etwas Zucker cremig mixte ist Opa in seiner Werkstatt gewesen. Opa war früher Tischler gewesen und selbst heute, obwohl in Pension, bastelt er noch gerne an Dingen.

Als ich die Papierförmchen in die Krater des Cupcakesbleches gab dachte ich daran, daß ich unsere Backkreation gerne auch mit meinen Eltern geteilt hätte, die leider nicht hier sind und sosehr ich es mir auch wünschte, eine Bitte zum trüben Gewölk außerhalb ausstoßen mochte, es war vergeblich. Meine Eltern werden die Cupcakes anschließend nicht mit uns genießen, sie sind weit weg, und dies trübte meine Allgemeinstimmung sehr. Auch als ich den gemixten Teig im Anschluß in die Papierform gab, cremig und lecker weil ich kostete, dachte ich wehmütig an die Tatsache. Wann werden wir wieder eine Familie sein dürfen, wann darf es soweit sein, daß ich eines Morgens aufwache und meine Eltern in der Küche vorfinde. Mama bei ihrem Morgenkaffee und Papa wie er ihr ein Brötchen mit einem Lächeln hinlegt. Nun ist es schmerzlich sich zu erinnern.

Den Ofen hatten wir schon vorher vorgeheizt als wir das Blech hineinstellten und mich Oma wieder mit ihrer feinen Stimme lobte. Diesmal hatte ich alles alleine gemacht und während die Cupcakes im Ofen schon langsam zu duften begannen erledigen Oma und ich noch rasch den Abwasch. Zufälligerweise als hätte er es gerochen kam auch Opa herein. „Na da sind die Damen aber heute wieder fleißig gewesen“, sagte er.

Opa gab Oma einen Kuß auf den Mund und unvermittelt dachte ich daran, wann ich diese zärtliche Geste zuletzt bei meinen Eltern gesehen hatte? Es ist lange her, zulange, und seit wir mit Sack und Pack fast wie in einer Nacht und Nebelaktion unser Haus verließen, sie mit mir ein Flugzeug in die Niederlande bestiegen damit ich fortan bei Oma und Opa wohne, habe ich Papa und Mama nie mehr bei einem Kuß beobachtet.

Als die Cupcakes fertiggebacken, sie auch gut ausgekühlt waren, haben wir uns mit Tee und Kaffee an den Tisch gesehen und wo Opa genüßlich geschlemmt hat, sie auch Oma schmeckten und sie mich ein weiteres Mal lobte, habe ich bei den süßen Cupcakes einen bitteren Beigeschmack bemerkt. Cupcakes waren auch Daisies Lieblingsmehlspeise gewesen aber sie das erste Mal ohne sie essen ließ meine Wimpern feuchtwerden.

Mir war als würde ich in jedem Bissen gleichzeitig den Verlust aufnehmen, den unsere Familie erlitten hat und mir erschien es auch irgendwie unfair, beinah unredlich oder moralisch pietätlos hier am Tisch zu sitzen und die Cupcakes ohne dem Beisein meiner Schwester zu essen.

Woher es kam, kann ich unmöglich bestimmen, aber in mir trat ein stechendes Gefühl auf und es kam mir herzlos und falsch vor! Es war beinah so als würde ich meine Schwester mit jedem Bissen verraten oder ihr Andenken dadurch mehr in Vergessenheit geraten lassen! Es mag mich nicht jeder in diesem Zusammenhang verstehen können aber das ist schon in Ordnung, denn ich verstehe mich zurzeit selber kaum noch!

 

Heute Morgen als ich aufwachte, lange wachlag, die Übelkeit im laufe der Nacht etwas nachließ schaute ich zunächst aus dem Fenster und nachdem ich die Jalousielamellen nachklappte staunte ich nicht schlecht, denn es hatte ganz zweifellos geschneit. Vorm Haus, auf der kleinen Wiesenfläche, lag nun ganz zu meiner Überraschung ein weißer feuchter Schneeteppich. Überall wohin ich schauen konnte war er ausgerollt worden, bedeckte Gräser und Halme, auch auf den hageren Ästen lag dieser winterliche Januarschmuck wie ein Zeugnis von Unschuld welches die Welt vernachläßigt haben mochte. Es roch stickig, doch auch wunderherrlich, und diese über Nacht eingetretene Veränderung zeichnete eine märchenhafte schöne Landschaft, die mich sentimental stimmte, mich auch zum melancholischen Seufzen brachte und insgeheim wünschte ich mir diesen Ausblick zusammen mit Daisie genießen zu können. Sie hätte wohl soetwas gesagt wie „Schau dir den vielen Schnee an. Laß uns hinterher eine Schneelady in den Vorgarten setzen, was meinst du?“, und wir hätten hinterher große Kugeln gerollt und im Vorgarten eine elegante Winterfigur aufgerichtet. Wir hätten viel Spaß zusammen gehabt, viel gelacht, herumgealbert und dem Winter für sein Geschenk gedankt.

Der unerwartete Schneefall ließ mich wie angewurzelt dastehen, mitten im frühen eisigen Donnerstagswind und er fuhr mir durch den dünnen Stoff meines knielangen T-Shirts. Mein Bauch tat noch etwas weh und als ich an den gestrigen Vorfall im Supermarkt dachte als ich am Boden kniete und Oma mit aufhelfen mußte, biß ich nun die Zähne zusammen, holte nochmals tief Luft und wollte mir im Nachhinein eingestehen, daß wir Daisie mit dem weiß-glänzenden Frischschnee eine Freude machen wollte. Ja, ganz genauso muß es sein, Daisie schickte mir den Schnee.

Leiser Riesel segelte von dem bleichen Wolkentuch herab, sachte und beinah in einem andächtigen Tempo, als ich vorhin am Fenster stand und die Nase in die kühlen Winde hielt, die an vorüberzogen, Schneeflocken ins Zimmer trugen, sie mir auch ins Haar setzten und einen feuchten Schimmer auf der Haut hinterließen, beinah so – ich glaubte ganz fest daran – als spürte ich die Lippen meiner Schwester auf der Wange.

„Dankeschön!“, flüsterte ich mit hoch erhobenen Haupt Richtung Himmel und als kurz darauf, nur eine halbe Sekunde später, eine helle Sonne hinter dem Dunstdickicht hervorbrach wußte ich ganz genau: Daisie ist ein Engel und sie hatte meine Stimme zwischen den Wolken gehört!

 

 

Gestern bin ich doch Online gegangen, es mußte sein, auch weil mich ein innerlicher Impuls dazu verpflichtet sah und besuche ich unsere geheimen Orte, unsere verstohlenen Winkel ist mir als könnte ich in meinem Gedächtnis alles zusammen mit Daisie nochmals neu erfahren.

Ohne einen gewissen ausgeprägten, neugierigen, höchst intuitiven Abenteuersinn sollte man kein Online-Spiel beginnen weil gerade solch verschlungene, verzwickte, labyrinthhafte und rätseltolle Welten zum geduldigen Erkunden einladen und in jeden Winkel verborgene Schätze lauern können, die, sobald man sie gefunden, einen entweder großäugig staunen lassen oder den Entdeckungswahn noch strebsamer anreizen. In einer Welt, die so groß ist, es unterschiedliche Orte und Plätze, Landschaften und Regionen gibt, sind gerade die zunächst unscheinbarsten Schlupfwinkel am Besten zum Erforschen geeignet. Daisie und ich haben sie schon seinerzeit gerne ausspioniert, tagelang und länger damit zugebracht diese ganglastigen Irrgärten in den Bergwerken oder in dichtbewaldeten Arealen zu untersuchen bis wir ganz am Ende ein Tor zum Öffnen oder eine Pforte zum Betreten ausfindig gemacht haben. Da haben wir natürlich gestaunt weil wir schlußendlich nach all der Geduldszeit in den Höhlen oder Flüssen, auf Landschaften oder in einem Dschungel schließlich einen Hebel zum Entriegeln eines geheimen Dungeons in Anspruch nahmen. Oftmals wer kann es uns verübeln, waren wir schon nahe dran aufzugeben, wollten wir das Handtuch schmeißen oder waren verärgert.

„Ich teleportier mich gleich zurück in die nächste Stadt“, hatte Daisie dann gesagt. „Da ist kein Dungeon am Ende, alles nur reinste Ablenkung.“

„Da muß etwas sein“, gab ich zu Bedenken, schuf damit einen Anreiz und wollte sie motivieren. „Ich bin mir sicher, da muß es etwas geben.“

„Meine virtuelle Figur läuft sich die Haken wund“, höre ich Daisie jetzt noch sagen. „Ich glaube, ich sollte vom GM Kilometergeld verlangen.“

Hierauf mußte ich einfach kichern. „Sowas wie Bonusmeilen, meinst du“, erwiderte ich scherzhaft. „Der wird gerade auf dich warten, Daisie.“

Wir lagen, das weis ich noch, auf ihrem Bett, den Laptop vor uns und klickten uns den Weg durch das verschollene Höhlensystem hinfort.

Am Ende fanden wir dann nach langem Suchen und Schlüssel sammeln den Zugang zu einem geheimen Dungeon -, mysteriös und unheimlich.

„Denkst du wir sind stark genug dafür?“, fragte ich meine Schwester. „Der Boss dahinter wird uns sicher nicht verschonen“, grübelte ich weiter.

„Wird schon gehen“, beruhigte sie mich und tippte mir dabei auf die Nase. „Und wer weis, vielleicht geht dahinter noch ein andres Labyrinth los.“

„Ähhh“, habe ich geächzt und sie spannte meine Geduld auf die Folterbank. „Sag sowas nicht, jetzt waren wir schon dreißig Minuten unterwegs.“

„Hör zu Boss“, hat Daisie dann gesagt als ob er sie wirklich hören konnte. „Bereit oder nicht, jetzt kommen Fairie und Daisie zu dir hinein.“

„Du bist manchmal echt so doof“, hab dann gemurmelt, tief Luft geholt und wir wußten Beide nicht, was uns dahinter für Gefahren erwarten.

Daisie, die immer schon mutiger als ich gewesen ist, auch im realen Leben, lief voraus, entriegelte das große schwere Zugtor und los ging es.

Vorher stärkten wir uns mit Tränken, Elixieren, Zaubersprüchen und sonstigen Dingen und dahinter erwarteten uns große, groteske, beinah schon lovecraft’sche Unwesen, halb Schlange, halb Alien, halb Irgendwas und es war dazu noch ein Doppelboss, der sogleich auf uns losmarschierte.

Damit hatten wir nicht gerechnet also waren wir zunächst geschockt, hielten den Atem an und liefen schnurstracks zusammen auf ein Ziel los.

„Wir greifen sie zusammen an“, rief Daisie nachdem ich wieder gänzlich bei mir war. „Zusammen machen wir mehr Schaden, hörst du!“

In solch Sachen habe ich mich immer auf meine Schwester verlassen, ganz gleich in welchem Dungeon wir unterwegs gewesen sind, und es mag auch daran liegen, jüngere Geschwister immer auf ihre Älteren hören und in dieser gehorsamen Tradition habe ich es auch weitergehalten.

Gemeinsam griffen wir die scheußlichen Ungetüme an, die uns keinerlei Pause gönnten, und wir zückten unsere Waffen, unsere magischen Zauberstäbe, die wir entweder zum Buffen und nebenbei auch samt einem Schild zum Kämpfen benutzen konnten. Wir trugen hochwertigen Schmuck, der unsere kritische Angriffskraft erhöhte, dazu gute Rüstung und zusätzliche Kleidung darüber, einen Umhang und Flügel für zusätzlich gewährleisteten Schutz, ob sie nun unsere Lebenspunkte erhöhten oder für mehr Verteidigung sorgten. Unsere Pets kämpften mit uns, auch sie konnten neben automatischen Looteinsammeln auch uns zusätzlichen Schutz geben, weil wir sie dementsprechend hochgelevelt hatten.

Die Durchschlagskraft war enorm, Daisie und ich griffen wie abgemacht gemeinsam an, gaben uns Anweisungen, heilten uns nebenbei rechtzeitig damit der kassierte Schaden nicht für das vorzeitige Ableben unseres Charakter zu verursachen hatte. Wie Daisie gesagt hatte mit vereinten Kräften, gemeinsamer Angriffsstärke waren auch unsere Manöver, unsere Taktik erfolgsversprechender bis wir am Ende den Sieg davontrugen.

Wir freuten uns darüber riesig, ließen einen Jubelschrei los und Mama glaubte schon im Hintergrund, wir hatten dummerweise die Zimmertür offengelassen, es sie etwas passiert, guckte in den Gang uns als sie uns mit High-Five am Bett liegen sah wußte sie sogleich Bescheid und schüttelte nur den Kopf. Sie daraufhin etwas gesagt aber daran erinnere ich mich nicht mehr, der Siegesrausch forderte alle Aufmerksamkeit.

„Da soll einer sagen Mädels können nicht gamen“, sehe ich Daisie heute noch vor mir unverschämt grinsen. „Wir sind einfach nur toll.“

Mein Nicken sollte als Bestätigung reichen, wir hatten den Boss im Teamwork besiegt, hatten einen Dungeon weniger auf der Liste und waren froh darüber weil wir einerseits zusammen soviel Spaß gehabt haben und andrerseits weil wir wieder einen neuen Teil der Welt aufdeckten.

Wenn ich heute diesen Ort besuche denke ich gerne daran zurück, daran wie nervös wir gewesen sind, wie aufgeregt und wie beruhigt unser Herz danach weiterschlug. Uns stand der Schweiß auf der Stirn aber ich sehe auch den euphorischen Glanz in den Augen meiner Schwester!

 

 

Auf einem Teil der Map, auf einem der Kontinente, gibt es auch einen eher unscheinbaren Teil, bewaldete von riesigen magischen blauen Pilzen, die aus einer edelsteinebenen Glitzerlandschaft hervorragen. Das gesamte Land scheint verzaubert, so ist es tatsächlich, ob man über die felsigen Täler wandert, Brücken überquert oder zu einen der hoch aufragenden Blaupilze fliegt, die von einem friedlichen Funkeln eingehüllt eine sonderbare Ruhe ausströmen und dabei doch im ersten Dämmerlicht mit einem noch feineren Schein wie einem Prachtkleid angezogen werden.

Es ist ein Pilzwald, der zum Entspannen einlädt, fast als ob Zirkonpilze aus den Boden schießen und einen herrlich-luziden Abglanz erzeugen.

Diese Pilze konnten auch aus Aquamarin geschmitzt worden sei und wir haben uns darauf niedergelassen, sind zum Höchsten geflogen und überschauten damit dein schimmernd-schönes Gebirge, das zwar auch von Monstern bevölkert wird, aber wir störten einander derzeit nicht.

Romantisch haben wir damals gedacht und uns gegenseitige Träume gestanden und tiefreichend doch unsere Gefühle greifen können.

„Denkst du manchmal übers Küssen nach?“, fragte mich Daisie ganz locker aus dem Stehgreif obwohl wir auf meinem Bett im Zimmer lagen.

Ein mag wohl etwas rot angelaufen sein aber ich habe trotzdem wahrheitsgetreu genickt. „Um ehrlich zu sein denke ich jeden Tag daran.“

„Es ist schon komisch, nicht wahr“, sprach sie ihren Gedanken leise aus. „Jetzt kommen wir in ein Alter, wo wir ans Küssen und andere Sachen denken, woran wir früher nie gedacht hätten“, gestand sie mir freiheraus mit einer Stimme dessen Unterton mir sehr gefiel, weich und zart.

„Das liegt wohl daran, daß auch wir erwachsen werden“, habe ich mit einem Seufzen ihr verraten. „Die Kindheit war schön solange sie dauerte.“

„Du bist erst zwölf du Scherzkeks“, plusterte sie die Lippen. „Du bist noch ein Kind aber ich...ich bin schon ein Teenager und auch älter als du.“

„Das eine hat mit dem anderen gar nichts zu tun“, ich glaube so ähnlich habe ich es ihr gesagt, ich weis nicht mehr so richtig, aber so ähnlich.

Daisie lag nun auf den Rücken während unsere Spielfiguren noch auf den großen blauglänzenden Pilzen saßen. „Meinen ersten Kuß stelle ich mir magisch sein. Mein ganzer Körper muß prickeln und ich will auch diese Schmetterlinge im Bauch fühlen, verstehst du. Ich will selbst zu einem Schmetterling werden und davonfliegen. Wenn ein Junge mich küßt, den ich mag und er mich auch mag, dann muß es doch so sein, oder nicht?“

Mit Daisie zusammen geriet ich ins Schwärmen, ich mag zwar kein sonderlich gutes Gedächtnis haben, aber ich erinnere mich an viele unserer Gespräche, die ich nie vergessen werde weil ich sehr oft daran denke, mir ihre süße-liebe und zärtliche Stimme wieder ins Gedächtnis zurückhole. „Ich glaube auch, daß der erste Kuß für ein Mädchen wirklich unvergeßlich sein soll und man auch mit vollen Herzen dabeisein sollte. Nur dann wird er wirklich zu einem unvergeßlichen Teil eines Lebens. Und ja, ich möchte dasselbe bei meinem ersten Kuß fühlen wie du Daisie. Ich möchte auch ein Schmetterling werden, davonfliegen, alles um mich herum vergessen und mich immer wieder gerne an diesen Moment erinnern.“

Daisie drehte sich auf die Seite, sie blinzelte mit ihren saphirtiefen Augen und malte sich ein schmales breites Prinzessinnenlächeln auf. „Wie alt bist du noch mal?“, fragte sie mich plötzlich und brachte mich ruckartig auch zum Blinzeln. „Manchmal redest du so erwachsen daher, daß ich es mit der Angst zutun krieg und meine, du bist die Ältere von uns Beiden. Dabei solltest du Für Immer meine kleine Schwester bleiben.“

Plötzlich spürte ich eine heiße Dusche mir über den Körper gehen und ich preßte die Lippen zusammen. Dann schnappte ich nach Luft weil ich für Sekunden, ganz unbewußt, zu atmen aufgehört hatte als mich Daisies Stimme in ihren wohlklingenden Bann zog. „Das bleibe ich auch, Daisie“, neigte ich den Kopf etwas schief. „Das Versprechen darfst du mir gerne abnehmen. Ich werde immer deine kleine Schwester bleiben.“

Wir sahen uns eine kleine Weile an, niemand sprach, wir genossen einzig unser einvernehmliches und auch verständnisvolles Schweigen als ob wir uns dieses heilige schwesterliche Versprechen noch ein Mal still und redlich in Gedanken gaben und auch unser Herz sprechen ließen.

Und dann...dann wurden unsere Charakter plötzlich im Spiel von zwei Monstern angegriffen und wir bemerkten das Ableben unserer Spielfiguren erst als es schon zu spät geworden war. Unsre virtuellen Charaktere mochten gestorben sein aber Daisie und ich lebten in der realen Welt weiter!

Für jeden Wimpernschlag waren wir dankbar in dieser Welt weiterzuleben! Als Schwestern! Als Teil einer wunderbar liebevollen Familie!                

 

 

 

5.1.17 11:28

Letzte Einträge: Alltägliche Herausforderungen, Im Wandel der Perfektion, Der beste Freund des virtuellen Ichs!, Mal gewinnen, mal verlieren!, Online-Feste, Shows & Events, Schwesterherz an Schwesterherz!

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