reflections

In den Farben der Winterdämmerung

Heute, es mögen zwar noch diese Woche Ferien sein, habe ich leider bis nach 10 Uhr geschlafen, auch weil mir weiter unwohl bis übel ist, meine Erdbeertage mich immer höchst sensibel stimmen, es meine Eingeweide auf eine Spirale aufzwirbelt, meine Lenden wehtun und mir ist als ob eine wildgewordene Horde von Kobolden auf meinem Unterleib IrishStep tanzt oder mit einer rücksichtslosen Ausgelassenheit herumtrampelt.

Zeitweise als ich so niedergeplättet im Bett lag, mir die Decke bis zum Kinn hochzog, dachte ich daran, ob ich Oma vielleicht bitten sollte mir eine Schmerztablette zu geben damit es besser wird, mein Magen weniger Radau verursacht, die scheinbar gewanderten oder verschobenen Organe wieder in ihre ursprüngliche Position zurückkehren -, letztlich blieb ich tapfer, habe mich zusammengerissen und mich tiefer ins Bett verkrochen.

Andrerseits, um ehrlich zu sein, auch als ich an die Gespräche mit Daisie zurückdachte, machte es mich insgeheim irgendwie glücklich zu wissen, daß dieser beinah unerträgliche Schmerz mir auch zu verstehen geben will: du kannst in dir Leben heranwachsen lassen und jedes Leben auf Erden ist kostbar! Irgendwann wirst du einem kleinen rosa Bündel das Licht dieses Lebens schenken; es wird in dir, unter dem Herzen heranreifen, aus einem Fötus wird ein Embryo werden, und hältst du das kleine unbeschreibliche Wunder in deinen Armen darfst du dich Mutter nennen! Und dann ist all der Schmerz, den du jetzt empfindest, auch all die kommende Wehenpein wird in einem Sturm der Freude überwechseln.

Daisie und ich haben uns immer gewünscht, daß wir einander dann die Hand halten, uns bei der Geburt gegenseitig unterstützen und ist es soweit sobald wir neues Leben auf diese Welt bringen, die zwar auch ihre Schattenseiten hat, aber jeden Tag geht eine neue Sonne am Horizont auf. Eine Sonne, die Wärme spendet, trostvolles Licht wie ein herzlich-gütiges Auge und auch Hoffnung sowie Frieden schenken kann!

Hätte ich einen Spiegel in dem Moment gehabt dann sähe ich bestimmt mein rot angelaufenes Gesicht, denn bisher habe ich noch nie einen Freund gehabt, geschweige denn mit einem Jungen Händchen gehalten oder bin gar geküßt worden. Davon träumt wohl jedes Mädchen: von ihrem ersten magischen Kuß! Wie wird es sein? Werde ich schmelzen wie eine Schneeprinzessin im Sommer oder wird es ganz anders sein?

In unseren unbeschwerten Kindertagen haben Daisie und ich Schneeladys oder Schneeprinzessinnen im reichen Winterweiß gebaut. Jeder kann Schneemänner mit drei Kugeln aufeinandersetzen aber wir hatten unsere ganz eigene Vorstellung wie solch aus Schnee geformte bildhafte Schönheiten aussehen sollten. Schneeladys kann nicht jeder errichten, zumindest bildeten wir es uns in unsrer unschuldigen Naivität ein, und übten uns darin elegant aussehende, kreativ geschaffene Winterwesen in den Vorgarten zu platzieren, die hinterher romantisch dreinblickende Kohleaugen, eine niedliche Karottennase sowie einen verführerischen Schmollmund aus roter Farbe verliehen bekamen. Die Arme waren immer wegen der Schwerkraft am Schwierigsten zu machen aber hinterher bekam die Schneeprinzessin noch eine majestätische selbstgebastelte Krone aus Blätterästen, einen Umhang oder Schal über die weißen Schultern gehängt und wir betrachteten stolz und zufrieden unser Werk.

Wir gaben der hübsch aussehenden Prinzessin den Namen Kaguya weil schneegeschaffene Hoheiten einfach diesen Namen tragen müssen.

Kinder sind schon mit den geringsten harmlosen Wundern zufrieden und überfreudig und als wir diese würdige Wintergestalt dastehen sahen erinnerte mich Daisie an ihren ganz eigenen Dezembermythos. „Wenn wir ihren Namen drei Mal hintereinander aussprechen, dann soll unsere Schneeprinzessin Kaguya lebendig werden“, schlug sie mir vor und ich, klein, verträumt, von diesem eifrigen Winterspaß eingesponnen weil mir die Zeit mit meiner Schwester soviel Freude und Vergnügen bereitete habe sogleich zugestimmt. Alles fand ich schier aufregend und spannend.

Zu dem vielleicht überraschenden Winterwunder sind wir dann leider nicht mehr rechtzeitig gekommen, Mama rief uns zum Mittagessen und als wir hinterher wieder in den Vorgarten liefen, um unseren Zauberspruch aufzusagen, war unsere Prinzessin Kaguya schon wieder teilweise geschmolzen aber wir waren uns sicher – es mag vielleicht auch nur Einbildung gewesen sein – sie hat sich ein wenig von ihrer Stelle bewegt!

Noch immer liegt ein Teil des über Nacht gefallenen Raureifs auf den Gräsern, weiß, krustig, beinah winterlich-silbern aber es ist zuwenig um damit den Traum von der Prinzessin in den Vorgarten meiner Großeltern zu stellen und so bleibt mir nur eine dieser frohen Erinnerungen.

 

Momentan liege ich noch im Bett – fühle mich klein und schwächlich -, mein Bauch kommt mir vor als sei er in einen Schraubstock gespannt und vorhin habe ich mir einen Topf leckeren Kirschtee gekocht, Oma gesagt wie ich mich fühle und sie hat mich daraufhin auch gleich wieder ins Bett geschickt. Nebenbei höre ich Songs von KELLS, eine Band, die auch Daisie neben vielen anderen toll fand, und da ich mir auch Photos anschaue, aus einer Zeit, die nicht schon zwei Jahre zurückliegt sondern mir wie eine Ewigkeit vorkommt, zeichne ich das liebe Gesicht meiner Schwester am Handydisplay oder auf Bildern in den Photoalben nach wie man es mit wundervollen geliebten Engeln tut und sie herbeiwünscht.

Auf den Eindrücken der Vergangenheit, ein Tag im Shopping Center, ich weis es noch, es war Fasching und wir setzten uns die albernsten Hüte und Masken auf, legten uns einen Magierumhang um oder ein Hexencape und mit der unbekümmerten Laune von Kindern haben wir uns die unaussprechlichsten Zaubersprüche ausgedacht, die es niemals in ein Buch schaffen werden, und beinah schon wie gällisch oder keltisch akustisch klangen aber es war eine typische Nonsenssprache jene uns zum Lachen brachte. Alle, die neben uns standen dachten, wir wären aus einem Fantasyroman entsprungen oder aus einem fernen Land gekommen, welches die Menschen nur als kleinen Flecken auf der Landkarte kennen. Insgesamt war es ein sehr lustiger Tag und das Kostüm von diesem Ausflug habe ich immer noch, nicht hier, es hängt noch in meinem alten Zimmer im Schrank, in meinem alten Leben. Doch soweit bin ich davon nicht entfernt weil ich immerzu mich gerne an diese Zeit zurückdenke!

 

11:48 Uhr - Vorhin aßen wir zu Mittag, es gab Pizza (leckere Spinat-Käse-Pizza) und wer wollte konnte auch Pommes dazuessen oder Salat. Pizza hatte ich schon lange nicht mehr gekostet und mein Magen, da ich in den letzten Tagen und Wochen wenig gegessen hatte, brauchte solch eine Kalorienflut womöglich. Gestern bekam ich noch Durchfall, was mir zwar peinlich ist es zu schreiben, aber da es der Wahrheit entspricht kann ich diesen widerlichen Umstand auch nicht überspringen. In den nächsten Tagen kann ich mich noch mit meiner Periode herumschlagen.

Oma meinte daraufhin mit einem mehrdeutigen Grinsen, daß ich, wenn ich erst in ihrem Alter bin, wieder ganz anders darüber denken werde.

Opa schlug vor, er wollte mir damit etwas Gutes tun, daß wir, sollte es mir Morgen bessergehen, zusammen einkaufen fahren werden weil die ganze Zeit im Haus rumsitzen, auch wenn das Wetter sonst keine Möglichkeit bieten mag, sei auch keine vorteilhafte Lösung und die Schule beginne ja erst mit nächster Woche Montag. Einen Bummelausflug, ja das mochte mir gefallen und war gleich dafür, sofern es mein Zustand eben erlaubt -, wie ich meine Unpäßlichkeit derzeit wieder loswerden will. Ob es mir Morgen soweit gutgeht und dieser Schmerz etwas nachgelassen hat? Das werde ich alsbald herausgefunden haben und die Aussicht, die Vorfreude, auf einen gemeinsamen Ausflug mit Granny und Gramps wollte mir auch gefallen. Darum hab ich die Pizza auch brav aufgegessen, schnappte mir auch reichlich Pommes und Omi hat es natürlich gefallen, daß ich ihr einen gesunden Appetit zeigte – mir das Essen wieder zu schmecken begann, , mochte es auch nur anfänglich erscheinen.

Es mochte niemand ausgesprochen haben, insgeheim jedoch, was verständlich ist, vermißte ich meine Eltern und dachte an all die gemeinsamen Mahlzeiten von früher zurück, die mir wie aus einem früheren Leben nun vorkommen, und zu einem Mädchen mit anderen Namen gehörten.

Ich weis nicht, ob Oma und Opa es wissen, aber neben einer fruchtigen Hawaii- aß auch Daisie eine köstlich-knusprige Spinatpizza am Liebsten!

 

12:29 Uhr – Mama und Papa haben abwechselnd angerufen, wahrscheinlich haben sie sich abgesprochen, und wollten bei mir nachfragen wie es mir gehe, ob alles in Ordnung sei und ich bei Oma und Opa eine letzte schöne Ferienwoche verbringen kann. Was für Fragen? Was für Fragen?

„Ich vermisse euch“, hab ich gleich gesagt, laut, fordernd, halb schon wieder mit Tränen in den Augen. Eigentlich wollte ich auch nachfragen, mich erkundigen, wann sie wieder zurückkommen, sie mich abholen, obwohl ich zwar gern bei Papas Eltern lebe aber ich wünsche mir doch meine Familie zurück. Die Frage habe ich dann ausgelassen, übersprungen, weil es keinen Sinn gehabt hätte, sonst hätten sie ihrerseits schon eine Andeutung in diese Richtung gemacht. Darum, wann immer ich den Drang zu Seufzen verspürte, habe ich das Handy weiter weg gehalten.

„Wenn du etwas brauchst dann laß es uns wissen“, schlug mir Mama vor und es stand zum völligen Widerspruch zu meinem tatsächlichen Wunsch. Sollte ich Mama sagen, daß ich Papa und sie mir herwünsche, wissen sie wie ich empfinde, daß ich sie vermisse und nie wirklich die freiwillige Absicht hegte mich von ihnen ins Flugzeug packen und in die Niederlande verfrachten zu lassen. „Wir wissen es schwer“, sprach Mama vorhin und ihre Stimme war meiner sehr nahe, weinerlich, einfach zum Zerbrechen. „Du weist, Papa und ich tun es nicht ohne Grund, Schätzchen“, wirkte sie weiter auf mich ein, daß ich auch Verständnis für ihre Situation zeige, doch dabei habe ich lediglich das Handy fester gegriffen.

„Ich weis“, schluchzte ich am Schluß aber meine dünne Stimme wollte mir nicht so recht Glaubwürdigkeit vermitteln, noch Zweifel ausräumen.

„Mama und ich sind immer für dich erreichbar“, ließ mich Papa wissen und je öfter Mama und er davon sprach als sei unser getrenntes Leben gar nicht so schlimm, umso düsterer mehrte es die Traurigkeit in mir drinnen und insgeheim wußte ich, es wäre ihnen lieber, wenn ich nicht anrufe.

Jetzt bin ich genauso verwirrt wie zuvor, will ich meinen Eltern zwar die Zeit gönnen, mich wie eine gehorsame, verantwortungsbewußte Tochter zeigen, zu der sie mich erzogen haben, in mir drinnen jedoch bin ich wütend -, wütend auf Mama, wütend auf Papa und wütend auf mich selber!

Daisie, ich verstehe, daß sie dein Verlust vollkommen aus der Bahn geworfen hat wie es auch mich immer noch überfordert, Oma und Opa tun ihr Möglichstes um mich zu unterstützen, und Papa und Mama nehmen diese Auszeit von mir auch nur weil ich sie zu sehr an dich erinnere (an die Zeit im Krankenhaus, an das skeptische Kopfschütteln der Ärzte an meinem Bett, wo sie auch um mein Leben lange bangen mußten). Mama und Papa haben derzeit einfach nicht die Kraft um meine Eltern sein zu können, sie müssen diese Kraft wiedererlangen weil sie mit der Situation um deinen Tod nicht zurechtkommen -, es ist für uns alle zuviel an Schrecklichkeit. Wann Daisie, sag mir wann werden wir wieder eine Familie sein?

 

 

Außerhalb der Heiligen Stadt gibt es einen Ort, eine mysteriöse Lichtung, die den Kontinent von anderen trennt und auf dieser grün-grasigen Ebene laufen Wesen herum, die einen zu Tränen rühren, nicht bloß an Gestalt sind sie niedlich und süß, putzig sowie liebenswert, denn auch ihre Geschichte mag zum Nachdenken anregen. Daisie und mich haben diese grazilen, adoleszenten aber auch schnuckeligen Geschöpfe jedes Mal eine verlegene, auch besonnene Miene aufziehen lassen. Immer wann wir vorübergeflogen sind haben wir Halt gemacht, ihrem tragischen Schicksal gedacht, welches sie an Ketten gebunden hat, zu Sklaven verdonnerte und ihr laut quietschender Schrei verhallte als ungehörtes Echo in der Ferne. Niemand vernahm ihre Wehklagen, ihren Schmerz, die Pein mit serviler Seele einem Meister zu gehorchen, der sie wie Dreck behandelt, ihnen eine Eisenkugel an den Fuß band, um sie an der Flucht zu hindern. Diese weiblichen Sklaven konnten einen echt leidtun.

„Mich erinnern sie an diese Kindersklavinnen wie es sie in China oder Thailand gibt“, teilte Daisie ihre Gedanken mit mir und regte auch mich zum Nachdenken an. Sie hatte recht, in solch armen Ländern, ist der Menschenhandeln, auch mit Kindern, ganz groß und niemand schert sich einen feuchten Kehricht darum, ob es ihnen gutgeht, ob sie genug zu essen haben, ob sie überleben oder ob sie überhaupt am nächsten Morgen wieder aufwachen. Wenn sie im Fernsehen zwischen der Werbung für Gucci oder Dior, einer teuren Uhr oder einem noch teureren Parfüm darüber berichteten haben Daisie und ich immer die Ohren gespitzt und größte Anteilnahme für solch benachteiligten gequälten Kindern gezeigt.

„Wir können täglich dankbar sein in eine Familie geboren zu sein, wo Papa und Mama uns liebhaben“, hab ich Daisie gleich darauf gestanden während die kleinen Sklavinnen am Bildschirm herumhüpften, sich von den Ketten zu befreien versuchten und ihr Schrei laut und hell erklang.

Daisie meinte daraufhin, daß es auch hierzulande, selbst in wohlhabenden Ländern, Fälle von Kinderarbeit oder im schlimmsten Fall von Kindesmißbrauch gibt, ob nun in sexueller Hinsicht oder sobald Erwachsene die Unschuld der Kinder für ihre Zwecke schamlos ausnützen.

„Wenn ich daran denke, daß jetzt gerade ein Mädchen in deinem oder auch in meinem Alter mißbraucht oder auch geschlagen wird, da dreht sich mir der Magen um“, seufzte Daisie mitleidig. „Alle wissen, daß es passiert, aber auch sehr viele sehen weg und diejenigen die etwas unternehmen wollen sind zumeist auch noch Täter und geben bloß vor Gutes tun zu wollen. Wenn ich an die Bischöfe und Kardinäle denken, die im Fernsehen auftreten, du weist wen ich meine. Alle wissen es und dann heißt es plötzlich, es konnte ihnen keine Straftat nachgewiesen werden. Das nennt man dann wohl Prominentenstatus oder Promi-Bonus.“ Daisies Stimme stieg sehr niedergeschlagen auf und zu mir her.

Wir steigerten uns unabsichtlich in dieses Thema hinein weil es unser Gemüt erhitzte, uns empfindlich stimmte, auch unsere Gedanken anregte und sicher wußten wir, daß prominente Personen, egal ob von Staat oder Kirche, in sehr vielen Fällen unterm Gesetz durchrutschen, obwohl es bewiesen ist, daß es sogar im Vatikan ein eigenes Bordell (auch mit Kindern) eigens für den Klerus gibt und daß auch der aktuelle Papst Verbrechen in seinem Heimatland an den eigenen Ordensbrüdern begangen hat. „Die Welt ist voller Lügner und Verbrecher“, schluchzte ich tief wehmütig. Das weis ich noch, da ich jetzt ähnlich fühle, wütend und enttäuscht, ob von den Menschen oder der Welt allgemein, die Schwächere ausbeutet und Kinder immer den höchsten Preis zahlen müssen. In Daisies Gesicht geschaut, in ihre Augen, die berückend zu Funkeln begangen ging mir das Herz über und zwischen Traurigkeit und Dankbarkeit habe ich ihr einen Kuß auf die Wange gegeben und gesagt: „Ich hab dich lieb!“

Daisie, die kurz darauf zu lächeln begann, hat meinen Kuß erwidert, mir vorsichtig durchs schwarze Haar gestrichen und während die arme im Stich gelassene Geißel im Spiel wieder ihren ohrenbetäubenden schrecklichen Schrei ausstieß, mich sogleich unwillkürlich zusammenzucken ließ, strich mir Daisie an der Wange, die sie zuvor geküßt hatte, entlang und sprach ganz lieb und sanft: „Ich hab dich auch lieb Schwesterchen!“

 

 

Zur Map des Spiels gehören neben Städten, Ländern, Bergen und Seen auch fliegende Inseln, die man ansteuern kann, entweder um ungestört zu sein oder von diesem hoch erhobenen Punkt einen virtuellen Sonnenauf- oder Sonnenuntergang zu beobachten. Man wird sich denken, wozu sollte man extra eine schwebende Insel anfliegen, dort landen, sich ins Gras setzen und den prächtig schillernd-schönen Farben zusehen?

Uns hat es gefallen. Daisie und ich haben uns eine Insel ausgesucht, sind dort gelandet während wir im echten Leben gegessen haben oder meine Eltern uns benötigten. Oder wir haben auch einfach nur die wunderherrliche Farbkulisse aus glühendem-rot, wertvollen-gold genossen, die sich auf die Wolken abgefärbt haben, träumerisch und inspirativ. Wenn der Mond sich erhob, diese amethystblaue Kugel aufging und zwischen den Wolkengefilden verschwand haben wir es verfolgt. Es mag für viele unsinnig erscheinen oder kindlich, aber viele sind schon von weniger inspiriert worden und es fühlte sich gut an, wir fühlten uns beruhigt mal abseits des Levelns und Lootens die Abend- und Morgendämmerung genießen. Jedes Spiel braucht seine ruhigen, besinnlichen, ernsthaften Augenblicke um die Gedanken zu ordnen oder ein Mal tief durchzuatmen.

Daisie und ich haben schon immer gerne, wann es uns die Gelegenheit bot, Sonnenauf- und auch Sonnenuntergänge beobachtet. Ob wir nun morgens zur Schule aufgestanden sind, wir noch rechtzeitig in die prachtvoll-stimmigen Farben hineinrutschten oder auch an den Wochenende -, wir sind nie Langschläfer oder Murmeltiere gewesen -, haben wir die Dämmerung begrüßt, entweder stillschweigend oder wir haben sie auf unseren Handys festgehalten sowie wir auch all die unternommenen Ausflüge zu Schlössern, Burgen oder Plätzen seit uns Papa und Mama Handys geschenkt hatten mit ausreichend Photos und zahlreichen Videos eingefangen hatten. Natürlich weis ich, daß sich dadurch die Zeit nicht zurückdrehen läßt aber ganz tief in mir drinnen, schaue ich ein Photo oder ein Video ist mir als hätte ich zumindest die anfängliche Chance dazu.

„Manchmal, ganz oft sogar, wünsche ich einfach mir eine Farbe vom Himmel zu greifen“, gestand mir Daisie eines Tages auf den Weg zur Schule und sie streckte tatsächlich die Hand aus, ließ ihre Finger in den Sommersonnenaufgang greifen und wollte die intensiven Farben erreichen.

„Hm“, hab ich die Stirn gerunzelt. „Wenn du dir alle Farben ergatterst, was bleibt dann noch für mich übrig?“, hab ich sie dann komisch gefragt.

Daisie sah mich daraufhin gelassen an als ob sie nicht wüßte, ob ich es ernst meine oder sie veralbere. „Keine Sorge“, grinste sie mit einem Lachen und gab mir eine gespielte Kopfnuß. „Ich laß dir schon noch eine Farbe übrig und falls nicht geb ich dir doch eine ganz klar ab. Die kann ich dir dann ins Haar flechten, damit auch jeder weis, daß du meine kleine Schwester bist, wenn du wie ein Regenbogen daherleuchtest.“

Die Vorstellung mit Dämmerfarben in den Haaren zu schimmern oder gar zu leuchten ließ ein eigenartiges Bild von mir in meinem Verstand oder auch in meiner Phantasie entstehen und weil ich nicht wußte, was ich sagen sollte, sie mich sprachlos machte, hab ich ihr einfach die Zunge gezeigt. Daisie hat nur gelacht, mir auch die Zunge gezeigt, und am Schluß hat sie dann gemeint, daß sie extra für mich am nächsten Tag früher aufstehen würde, um mir doch noch eine der letzten Dämmerfarben zu ergaunern, die sie mir anschließend großzügig schenken wolle.

Vielen mag solch ein Gespräch kindisch oder lächerlich vorkommen aber es zeigte uns Beiden, daß wir wirklich über alles reden konnten und wir auf derselben Wellenlänge sind, wir unsere Emotionen respektieren und wir einander auch wegen solch für andere bestimmt dämlich-dumme Gedanken nicht ablehnten oder gar ruppige, grobe, krude Sprüche abfeuerten. Daisie und ich sind wirklich durch und durch mit einem engen Schwesternband verbunden und selbst heute noch ist mir, wenn ich in eine zauberhafte Morgen- oder Abenddämmerung schaue, als hätte mir meine geliebte Schwester extra den Himmel mit seligen Leuchtfarben ausgemalen. Ja daran halte ich fest und glaube daran, ganz fest – ganz fest!

 

 

 

Alexa ist gestern nicht online gewesen, ließ sie mich zuletzt schon vorgestern wissen, sie sei die gesamte Woche auf Urlaub und das, welch kurioser Zufall, in Österreich -, meiner alten Heimat. Genauer gesagt mache sie derzeit mit ihrer Familie Urlaub in Kärnten, bei Schnee und Skifahren, obwohl auf Letzteres muß sie im großen Stil leider verzichten weil sie wie sie mir unlängst mitteilte sich beim Volleyspielen in ihrer jungen Vergangenheit eine gravierende Knieverletzung zugezogen hat -, angeblich ist ihre Kniescheibe ausgekugelt gewesen oder herausgesprungen, es hat sich jedenfalls schon beim Lesen sehr schmerzhaft angehört. Wir stehen auch nebenbei – abseits des Online-Gamings - im Mail-Kontakt, was ich aufregend finde, zuvor hatte ich nie eine Brieffreundin und deswegen ist für mich alles neu und abenteuerlich. Gestern hatte ich schon mehrere Mails mit ihr geschrieben. Sie schreibt von ihrem Handy aus, sofern sie Netzempfang hat, weil sie anscheinend keinen Laptop besitzt aber das geht in Ordnung solange wir überhaupt unsere Zeilen herumschicken. Über die Ablenkung mit mir zu schreibe ist sie auch glücklich.

Unser Englisch ist zwar nicht das Beste aber darauf kommt es Endeffekt auch nicht an solange wir uns inhaltlich generell verstehen und im Notfall ziehen wir eben auch das Wörterbuch zu Rate. Es ist schön eine Fremdsprache nebenbei zu trainieren, da sie kein Deutsch und ich kein Rumänisch sprechen kann allerdings sind wir Beide der englischen Sprache mächtig, was die schriftliche Kommunikation ziemlich erleichtert.

Natürlich werde ich im öffentlichen BLOG unsere Mail-Korrespondenz nicht veröffentlichen, dies behalte ich mir für mein privates Tagebuch vor. Außerdem, da bin ich mir sicher, wäre es Alexa auch nicht recht, wenn ich ihre privaten, intimen Details der breiten Öffentlichkeit preisgebe.

Da ich sonst mit niemanden von meiner Schule seit dem Wechsel im engeren sozialen Kontakt stehe, ich bin eben kein redseliges Mädchen oder kann gleich auf Anhieb auf andere Menschen zugehen, sie breitarmig umfangen oder gleich von der Leber weg losplaudern, von daher – mag es auch komisch oder eigentümlich anmuten – bin ich über Alexa und ihre Freundlichkeit als Brieffreundin dankbar. Sie hat mir auch ein Photo von sich als Mailanhang geschickt. Sie sieht darauf sympathisch aus, nett und aufgeweckt. Und sollte nichts dazwischenkommen bin ich mir sicher wir werden auch in Zukunft, in der Zeit solange sie noch mit ihrer Familie im Urlaub in Kärnten ist (sie hat mir die Stadt genannt wo sie gerade Skiurlaub macht), noch etliche Briefmails schreiben. Sicherlich, die Dinge, die mir durch den Kopf schwirren sollte ich eigentlich mit meinen Großeltern besprechen und nicht mit einem – grob formuliert – fremden Menschen, obwohl mir Alexa durch ihre Worte nicht mehr so unnahbar vorkommt, aber ich denke meine Aufgeschlossenheit liegt wahrscheinlich daran weil sie auch ungefähr in meinem Alter ist -, zwar zwei Jahre älter aber der Unterschied ist eben nicht so groß. Mit jemanden in ihrem Alter fällt es mir leichter zu reden, auch weil sie ein Mädchen ist, und durch ihre Zeilen versucht sie auch mich zu verstehen, Verständnis auszudrücken, was ich im Gegenzug genauso für sie nachempfinden kann und unsere frische Freundschaft in diesem Sinne festigen möchte. Es hilft schon, wenn jemand einem zuhört, mag es auch nur durch Worte, durch Zeilen oder Absätze sein, mir ist jedoch als spreche ich von Angesicht zu Angesicht zu ihr. Und je mehr Zeilen ich heute verfaßte, an sie schickte, die Absätze schier kein Ende zu nehmen schienen, umso mehr ist mir nebenbei mit jedem Punkt und Komma bewußt geworden wie allein und einsam ich im realen Leben doch bin. Und Empfindungen, die ich früher Daisie bei all unseren Gesprächen anvertraute, brachte ich nun Alexa nahe und mit jedem wiedergegebenen Buchstaben vermisse ich meine Schwester umso schrecklicher. Seufzer entkamen mir zeitgleich mit zahlreichen Bilderwellen an Erinnerungen. Keine vollgeschriebene Seite wird den Verlust in meinem Herzen jemals lindern, das weis ich und gerade diese Einsicht läßt mich nun mehr bittere Tränen hinunterschlucken. Ich möchte mich in meinen Tagen einfach nicht einsam fühlen müssen!!!

 

 

 

3.1.17 12:57

Letzte Einträge: Alltägliche Herausforderungen, Im Wandel der Perfektion, Der beste Freund des virtuellen Ichs!, Mal gewinnen, mal verlieren!, Online-Feste, Shows & Events, Schwesterherz an Schwesterherz!

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