reflections

Ein Morgen der Gedanken

08:18 Uhr – Schon seit einer Stunde bin ich wach und auf den Beinen und an Schlaf denken ist unmöglich. Mir tut mein Bauch weh und die üblichen Beschwerden sind eingetreten, typisch wie jeden Monat, und während draußen der weißkrustige, winterlich-schönverklärte Raureif auf den Bäumen liegt, er alles in ein fast majestätisches Kleid hüllt, das zum Träumen einlädt oder die Phantasie anregt, sitze ich hier vorm Laptop, trinke frischen Kirschtee und fühle mich am zweiten Tag nach Neujahr ziemlich kränklich. Es ist die übliche Schwäche, die ich jedes Mal dabei empfinde, mich plattwalzt, mir die Eingeweide um einen glühenden Draht wickelt und den Unterleib schier durch den Fleischwolf dreht.

Jeder Schluck Tee tut gut, er wärmt mich auch von Innen auf und es ist ein seltsamer Gegensatz zu den morgendlichen Minusgraden draußen vorm Fenster. Beim Durchlüften des Zimmers stand ich davor und blickte, mehr verträumt als auf mich achtend, auf die hartgefrorenen Grashalme, auf die harte Wiese vor dem Haus meiner Großeltern und fragte mich insgeheim, begleitet von Seufzen, was meine Eltern gerade machen? Ist Papa schon aufgestanden, ganz bestimmt, schließlich muß er auch zur Arbeit? Und Mama? Hat Mama auch eine Tasse Tee getrunken, gut gefrühstückt oder allgemein, wie geht es ihnen eigentlich? Eine Ungewißheit, die mir ständig am Gemüt nagt, in mir Fragen aufwirft worauf ich gerne eine Antwort hätte, obgleich ich weis, ich sollte ihnen den Freiraum gönnen wie sie ihn wünschen, aber dennoch sind sie meine Eltern und meine Sorgen um sie sind doch als Tochter berechtigt -, oder etwa nicht? Derzeit können wir keine Familie sein, es ist mir bewußt, dafür ist zuviel passiert, die Vorfälle vom letzten Jahr hallen schrecklich nach sowie sie mir selber Schmerz verursachen und mich in Stücke zerfetzen. Mama und Papa wollen mir nicht wehtun. Denke ich an das zurückliegende Weihnachten zurück, an die traurige Stimmung zwischen uns, all das große Vermissen und wie wir uns alle an das letzte Weihnachten zusammen mit Daisie erinnern, sehe ich noch Papas blasses Gesicht und auch Mama, die mühsam, schon krampfartig versucht ihre Tränen zu unterdrücken, wo mir ihre Augen Rätsel aufgaben.

Bewußt, ganz entschieden, haben wir den Namen meiner Schwester unausgesprochen gelassen weil es zu sehr wehtut, es bloß das Vermissen mehrt, uns an das Loch in unsrer Familie erinnert, obwohl Daisie in Gedanken und in unsrem Herzen in jedem Augenblick bei uns gewesen ist.

Natürlich weis ich, das habe ich auch früher mitbekommen, wie sehr es meine Eltern auch verletzt sobald sie mich sehen, denn dann werden sie in die Zeit zurückversetzt als ich selbst noch im Spital gelegen habe, ungewiß ob ich durchkomme. Aber viele der Verletzten von diesem Tag rangen damals um ihr Leben und im Krankenhaus herrschte das reinste Chaos und ich ahnte zu diesem Zeitpunkt nicht im Mindesten, daß ich das engelhafte, liebevolle, wunderschöne Lächeln meiner Schwester nie mehr wiedersehen sollte. Und wieviel Dunkelheit in der Welt selbst lag!

 

Nun während mein Bauch noch immer schmerzt, es zwickt, kneift, mir mein Rücken wehtut und ein Gefühl zwischen Verlassenheit, Verzweiflung, Einsamkeit und verlorener Sehnsucht in mir aufsteigt, ist es beinah unwirklich und unheimlich zugleich zu wissen: ich bin immer noch Hier!

Wenn ich Meine Tage bekomme wird mir mehr als sonst bewußt, daß mein Körper noch weiter funktioniert, das Leben mir eine Chance auf eine Zukunft gegeben hat, wo Daisie bei der Gunst des Schicksals durchgerutscht ist und ich nie sehen werde wie sie mit mir heranwachsen wird.

Und jetzt, sentimental und mit einem schmalen traurigen Lächeln auf den Lippen, denke ich angesichts meines aktuellen Befindens daran zurück als Daisie zum ersten Mal Ihre Tage bekommen hat und sie nachdem sie aus dem Badezimmer gekommen war gleich zu mir unter die Decke gekrochen ist. Daisie hat so glücklich ausgesehen, zufrieden, auch friedlich, als würde ihr eine Last von den Schultern genommen worden sein.

Wie es Mädchen nunmal tun haben wir auch schon im Vorfeld darüber heiß diskutiert wie es sein wird, wie sich unsere Körper verhalten werden bekommen wir unsere Periode, das erste Mal, und wir wußten auch es liegt ein riesiger Unterschied zwischen Bio-Unterricht und der Wirklichkeit.

Als es dann endlich bei Daisie soweit war – ich sehe sie noch immer strahlen – wirkte sie recht erleichtert, entspannt obwohl sie Schmerzen hatte und noch immer rieche ich, da sie sich hiernach an mich kuschelte, den Duft ihrer Haut. Daisie roch nach Pfirsichseife, frisch und wohlig.

„Ich bin ab heute offiziell eine Frau“, höre ich sie noch immer mit großen Staunen sagen. „Es fehlt nur noch Brief und Siegel vom Postamt.“

„Du bist albern“, habe ich erwidert, meinen Arm um sie gelegt, fest an mich gedrückt und den Geruch ihrer feinen Haut ganz tief eingesogen.

„Weist du, ich habe diesen Tag immer kommen gesehen. Ich wußte, irgendwann wird es soweit sein. Wir haben oft darüber geredet und jetzt, ab heute, brauche ich nicht mehr nur darüber reden und weis, was es bedeutet mich als Frau zu fühlen. Und das bis mich die Menopause einholt.“

„Du bist zynisch wie eh und je“, meinte ich darauf leise, streichelte ihr durchs lange schwarze Haar und ihre blauen Augen bekommen einen reichen Schimmer verliehen. Es war früh am Morgen, wir waren Beide noch schläfrig, doch Daisie befiel solch ein stolzes unermeßliches Glück.

Meine Schwester legte sich auf den Rücken, blickte kurz zur Decke hoch, dann auf mich und als meine Hand nahm, auf ihren flachen Bauch legte malte sie sich ein freudiges Lächeln auf den Mund. „Kaum zu glauben nicht wahr?“, fragte sie sich allgemein und gab sich selber danach die Antwort. „Daß in mir tatsächlich ein Mal, natürlich in ferner Zukunft, Leben entstehen kann. Ich werde mich Hals über Kopf in einen Jungen verlieben. Dann heiraten. Sicher auch Kinder bekommen und selber dann eine Familie haben. Wir haben oft darüber geredet, weist du noch?“

Darauf habe ich zugestimmend genickt, mich an ihre Schulter gelegt, und ihre gleichmäßigen, leicht aufgeregten Atemzüge verfolgt wie sich ihr Brustkorb hob und senkte. „Du hast gesagt, du hast mich gebeten Taufpatin und auch  Trauzeugin zu sein. Das wäre wundervoll“, schwärmte ich mit ihr gemeinsam in eine Zukunft voraus, Jahre, viele Jahre voraus. „Du hast gemeint, wenn es ein Mädchen wird, möchtest du sie Zoey oder Sarah nennen. Bei einem Jungen Jamie oder Kevin. Bei dem Namen Kevin wird dein Zukünftiger sich auch noch ein Wörtchen mitreden wollen.“

„Wieso?“, guckte sie mich verstohlen und fragend an. „Kevin ist doch ein guter Name“, gab sie mir zu verstehen, wobei ihre Hand noch immer auf ihrem Bauch ruhte, sie etwas das Gesicht verzog, sie Krämpfe plagten und es ihr Luftholen erschwerte. „Ich mag den Namen Kevin, der geht einem leicht von der Zunge und klingt auf jeden Fall besser als Peter oder Hans, Paul oder Rüdiger.“ Beim letzten Namen mußten wir lachen.

Bei dem Namen Rüdiger dachten wir Beide sofort an diese quirlige, auf Adrenalin gepumpte Ratte aus dem Fernsehen und lachten darüber.

Es war ein schöner, träumerischer Morgen, den Daisie und ich verbrachten und als ein Jahr später ich meine erste Periode endlich bekam, ich mich nicht mehr benachteiligt fühlte (mag es auch eigenartig klingen) verlief unser Gespräch ähnlich in dem sie mir gratulierte, wir uns auch in meinem Bett zusammenkuschelten und solch ähnliche familiäre Zukunftsvisionen spannen. Wir hatten schon vorher darüber diskutiert, daß wir einander als Taufpatin und auch als Trauzeugin ausgewählt hatten, wir gegenseitig Babysitten sollte es notwendig sein und uns immer helfen und unterstützen werden. Wir würden, ganz gleich, was auch passieren mag immer Schwestern bleiben und dieses Band soll bis an unser Lebensende halten. Wir wollten uns nie aus den Augen verlieren wie es Schwestern passieren kann, doch wir gehörten nicht zur diesen Glücklosen. Nein, Daisie und ich sollten niemals zu diesen unglückseligen Menschen gehören, die ihr Schwesternband zerreißen lassen wollten.

Und jetzt…jetzt, wo ich alleine mit Tränen in den Augen hier sitze, der Vormittag begonnen hat und die vertrauten Geräusche von Oma aus der Küche mir an die Ohren dringen, ist alles völlig anders geraten als Daisie und ich uns je gedacht hatten. Wir hätten trotz all der düstersten, all der dunkelsten Aussichten nie daran gedacht, daß einer von uns mal etwas Grausames passieren könnten, eine von uns Schwester vor der Anderen stirbt weil wir diese unglaubliche höllische Leere nie erfahren wollten. Denn wir wußten, sollten wir getrennt werden, stirbt auch ein Teil von uns selber! Und mit Daisie ist auch ein Teil von mir gestorben! Meine Schwester ist vor mir ein Engel geworden und wacht nun über uns alle!

Der Himmel hat keine Grenzen, alle Tore stehen offen, ganz gleich zu welcher Jahreszeit und sehe ich nun wie der morgendliche glitzernde Raureif langsam von den Ästen schmilzt wird mir dennoch warm ums Herz. Denn ich weis: in der Unendlichkeit werden wir wieder vereint sein!

 

 

 

 

 

Selten, doch es ist wahr und Realität, trifft man jemanden online – einen netten, freundlichen Charakter – dem man sich gerne anvertraut, sich verstanden fühlt, man weis, daß all die wertvollen Worte, all die weichen warmen Gedanken bei diesem feinherzigen Menschen gut aufgehoben sind und auch bewahrt werden. Solch jemanden habe ich schon gestern getroffen und da ich sie heute wieder traf bat ich sie höflich, ob sie mir vielleicht erlaube über sie zu schreiben. Und sie hat auf Anhieb eingewilligt! Ohne ihre Einwilligung hätte ich nie über sie geschrieben dafür hätte ich zu großen Respekt vor der Privatsphäre von jemanden und auch aus Anstandsgründen, aus moralischer Verpflichtung und ebenso auch aus würdevollen Gründen hätte ich private Identität gewahrt. Doch sie hat mir die Hand gereicht und darum werde ich ihr Vertrauen auch nicht schamlos ausnutzen. Also möchte ich von Lawel/Insurgent aka Alexa erzählen. Sie ist zwei Jahre älter als ich, aus Rumänien, also weit weg von den Niederlanden aber glücklicherweise, wo uns die Gegenwart entgegenkommt und auch der technische Fortschritt, können wir uns übers Internet unterhalten. Und wir haben uns ausgetauscht. Ich habe ihr mein Herz wegen Daisie ausgeschüttete weil ich an der neuen Schule leider keine Freunde gefunden habe und im realen Leben eher sozial gehemmt bin, schon beinahe phobisch wie es meine Psychologin nannte, und zwar weis ich – ich bin mir dessen bewußt – muß ich aus dem Schneckenhaus rauskommen, mich öffnen, auf Menschen zugehen aber es ist leichter gesagt als getan. Dies zutun kostet mich viel an Überwindung und wie soll ich aus meiner derzeitigen Lage auf Menschen zugehen, wenn sogar meine eigenen Eltern die Distanz zu mir suchen, mich bei Opa und Oma lassen, was an sich nicht schlecht ist, jedoch wünsche ich mir, daß wir wieder soetwas wie eine Familie sein können und nicht solch eine unnahbare, herzgetrennte Distanz zwischen uns liegt. Es ist ein Neujahrswunsch, ein kleines großes Anliegen, aß ich meiner Familie wieder nahesein kann und wir am Ende alle wieder zusammenfinden.

Oma und Opa lassen mich soweit in Ruhe, obwohl ich nicht viel über Daisie mit ihnen rede, wir es zumeist stillschweigend austragen, unsere Augen sprechen lassen, unsere Lippen langsam bewegen aber ohne dabei die Stimme zu benutzen. Wir kommunizieren mehr mit Gesten, einem schweren Wimpernaufschlag, ein halboffener Mund, wobei wir scheinbar die Gedanken des jeweilig Anderen dabei wie aus einem Buch lesen können. Vielleicht fragen sie sich selber auch wiesehr mir die Trennung zu meinen Eltern helfen soll wieder eine enge Beziehung zu ihnen aufzubauen? Meine Eltern sind nicht geschieden, sie leben nur getrennt; getrennt voneinander, auch getrennt von mir und Beide in anderen Städten, in anderen Wohnungen. Mama geht weiter ihrem Beruf als Büroangestellte nach und Papa ist als EDV-Techniker beim Magistrat angestellt. Mama arbeitet nahe der niederländischen Grenze, aber auf deutschem Boden weil sie eben nicht gut Niederländisch sprechen kann, was wir gemeinsam haben, aber ich spreche es fließender als sie wohl auch dadurch geholfen und geschuldet weil ich es im Kindergarten in der Grundschulstufen lernte. Die meisten niederländischen Kinder kommen mit vier Jahren in die Schule. De leerplicht gilt ab fünf und dauert bis zum Ende des Schuljahres an bis das Kind 16 Jahre alt geworden ist. Bis die Kinder dieses Alter erreicht haben bringen berufstätige Eltern, so ist es auch Daisie und mir widerfahren, ihre Kinder oft in ein kinderdagverblijf, die niederländische Entsprechung zur deutschen Kindertagesstätte oder Kita. Diese Form von Ganztagsbetreuung ist natürlich kostenpflichtig, wird jedoch vom Staat mittels kinderopvangtoeslag gefördert -, so ist es jedenfalls mir erklärt worden. Für die süßen Kleinkinder zwischen zwei und vier Jahren gibt es zudem de peuterspeelzaal. In diesen organisierten Spielgruppen können die Knirpse einen oder auch mehrere Vor- oder Nachmittage in der Woche miteinander spielen, toben und unter Aufsicht basteln. Als Ganztagsunterbringung ist de peuterspeelzaal nicht gedacht. Ebenso wie beim kinderdagverblijf gilt hier ein einkommensabhängiger Elternbeitrag. Diese Betreuungsform wird nicht staatlich gefördert, meist jedoch von den einzelnen Gemeinden unterstützt also finanziell.

Wie dem auch sei, mein Deutsch ist besser, da ich die letzten Jahre mehr bewußt in Österreich gelebt habe und Niederländisch nur ab und zu mit Papa gesprochen habe, um es nicht ganz zu verlernen oder auch mit Oma und Opa (Papas Eltern) als sie aus den Niederlanden anriefen.

Mit Alexa schreibe ich in Englisch soweit es meine Englischkenntnisse zulassen aber im Großen und Ganzen können wir uns ganz gut verständigen, auch dadurch zwangsläufig bedingt weil ich kein Rumänisch sprechen kann, und Englisch ist nunmal eine internationale Sprache.

Alexa habe ich zufällig im Spiel kennengelernt, hatte sie einen privaten Shop auf der Market Ebene mit dem Titel HAPPY NEW YEAR und aus dem zuvorkommenden Stehgreif heraus schrieb ich ihr in den Shop-Chat auch einen Frohen Neujahrsgruß hinein. Später hat sie mich dann angeschrieben, daß es sie überraschte, ich einen Gruß für sie daließ und es meinerseits rein aus Höflichkeit geschah und bloß auch des Anstandes wegen reagierte und immerhin eine gute Erziehung genoß weswegen ich ihren latenten Aufruf somit nicht ganz ignorieren konnte, aber so sind wir eben ins Gespräch gekommen. Wir fanden uns gleich auf Anhieb sympathisch und sicher, ich weis, man sollte im Internet immer vorsichtig sein, wem man seine intimen Gedanken, seine privaten Erlebnisse weitergibt weil alle anonym sind und man nie weis, wer sich hinter dem benutzten Charakternamen verbirgt. Aber ich denke, meine, bin mir sicher ihr kann ich soweit vertrauen (Vicko ist schon den dritten Tag nicht mehr online gekommen, wahrscheinlich macht ihm das Spiel keinen Spaß mehr) und man kann mich vielleicht als zu naiv oder leichtsinnig, als sensibel oder gefühlssüchtig bezeichnen, weswegen sich Alexa soviel aus meinem privaten Leben und auch meinem Umfeld anvertraute. Aber ich habe im Gegenzug auch viel von ihr erfahren und auf ihre tolerante, sehr empathische Weise versuchte sie mir auch nachdem ich ihr von der Tragödie von Daisie berichtete und wie sehr es unsere Familie auseinanderriß mit wärmenden Worten und aufmunternden Gedanken auf die Beine zu helfen. Ihren ehrlichen Zuspruch nahm ich mir zu Herzen, doch möchte ich kein Mitleid erregen, noch darum ansuchen, das ist echt das Letzte, was ich bezwecke, aber leider hab ich die pure schreibwütige, sehr buchstabenflutartige Angewohnheit, daß ich sobald ich mal zu schreiben angefangen habe nicht mehr anhalten kann. Gedanken rauschen, sie erfüllen mich, dann überkommen mich auch die Gefühle und aus einem Satz werden viele Sätze, aus einem Absatz werden viele Absätze und alsbald ist eine Stunde rum und viele hunderte von traurigen Worten wiedergegeben. Diese Dinge, ich weis, sollte ich eher mit meinen Großeltern besprechen aber mit geschriebenen Worten fällt es mir leichter als die Stimme dazu benutzen. Hier kommt das altbäuerliche Sprichwort wirklich zum Tragen welches da heißt: Papier ist wahrhaftig geduldiger!

Wenn ich vor Oma stehe, zu Opa gehe und meine Augen schon im Vorfeld all die Traurigkeit ausdrücken, die ich hinterher in Worte fassen möchte, fällt es mir noch schwerer, noch gehemmter wirklich meine tiefen Emotionen, meine samtenen Gedanken mir auf die Zunge zu legen ohne daß ich gleich zu weinen beginnen (selbst hier während dem Schreiben spüre ich den Druck hinter den Augen und meine Tränen rollen mir über die Wange). Sobald ich zu weinen beginne, all der Schmerz, all die Trauer aus mir hervorbricht genauso wie mein Herz gebrochen ist, weis ich ganz genau, ich werde auch meine Großeltern zum Weinen bringen ebenso wie Mama zu Weihnachten fast zu weinen begonnen hätte, und wir allein nur mit gesenktem Blick eine Tränenflut verhindern konnten. Mama sah so klein auf ihrem Stuhl aus, ganz anders als sie früher war.

Wenn ich meine Heilklasse im Game bewegen, sie spiele, mich oder andere heile ist mir als könnte ich auch ein Pflaster auf alle Wunden kleben -, so zumindest möchte ich es mir einbilden, es mir erklären, wo ich sonst keine Tröstung erfahre. Mit Alexa saß ich heute in meinem privaten Haus, also Ingame, wo ich auch mit Daisie viel Zeit verbrachte nur eben war Daisie im realen Leben neben mir am Bett, hinter ihrem Laptop, mir ganz nahe. Genauso wie mit Alexa besprachen wir allgemeine Dinge, welche Bücher wir mochten, welche Filme wir gerne mögen.

Alexa hat im Spiel dann ein Feuerwerk gezündet, das gesamte Zimmer war über und über mit Funken und einem hellen Sprühregen ausgefüllt. Es hat wunderschön ausgesehen, hat schon allein beim Zugucken Spaß gemacht und mich auch zeitgleich an unser letztes gemeinsames Silvester erinnert. Ein Abend, an dem Daisie und ich mit meinen Eltern zusammen Sekt tranken und gemeinsam das Feuerwerk genossen.

An diesem letzten warmherzigen Silvesterabend bevor wir die letzten Sekunden herunterzählten gratulierte mir Daisie nochmals nachträglich zum Geburtstag, der auf Anfang Dezember gefallen war. Meistens war mir kalt, fröstelte es mich unter der Decke, doch nur wenn ich alleine schlief und nicht umsonst bezeichnete mich Daisie daher gerne neckisch als Winterkind. Ich habe mich gerne von ihr necken lassen und sie, Daisie, sie ist im Sommer geboren und keiner hätte gedacht, daß meine Schwester nur einen Tag vor ihrem nächsten Geburtstag…!

In dieser frostigen Nacht standen wir mit bereitgestellten Sektgläsern am Balkon, in Jacken gehüllt, den Schal enger gezogen und hörten schon die ersten Böller und Knaller detonieren. Schon eine Minute vorher begannen die Leute das Neue Jahr einzuläuten und begeisternd zu feiern.

„Was wird dein Vorsatz fürs Neue Jahr sein?“, fragte mich Daisie ganz neugierig und schubste mich spielerisch von der Seite her an.

Kurz überlegte ich, mir wollte auf Anhieb nichts einfallen, also griff ich eine allgemeingültige Floskel auf: „Vielleicht abnehmen, was meinst du?“

Daisie lachte und Mama verzog im Hintergrund eine Miene. „Sagte die Bohnenstange und war danach verschwunden“, scherzte Daisie danach.

Anschließend überlegte ich ernsthafter, horchte in mich hinein, griff nach der Hand meiner großen Schwester und wußte sogleich die richtige Antwort. „Ich werde mich bemühen noch besser in der Schule zu werden, dann kann ich mit dir die Oberstufe besuchen“, platzte es laut und hell, aufrichtig und tatenvoll aus mir heraus. Ein Satz, der meine Eltern zwar verblüffte, nicht jedoch Daisie, da sie von meinem großen Ziel wußte.

„Na das hör ich gerne“, hörte ich Papa aus dem Hintergrund sagen, wobei er mir seine Handfläche auf den Schopf legte und angenehm lächelte.

„Ich werde dich vor der nächsten Matheprüfung nochmals daran erinnern, wenn du wieder rumquengelst und keine Lust zu lernen hast“, wollte mir Mama gleich eine aufmerksame Standpauke halten und ja, klar, zugegen, in Mathe war ich und bin ich noch immer keine Leuchte, aber bisher hatte ich die Versetzung in die nächste Schuldstufe immer geschafft. Zwar mit Durchschnittsnoten aber immerhin auch mit akzeptablen Erfolg.

Damals hätte ich nicht gedacht wieviel Zeit ich verlieren sollte, ich später während der Reha Stationsunterricht bekam und von meiner alten Klasse auch niemanden mehr sehen würde. Daß der nächste helle Sommer solch eine Finsternis bringen würde, hätte ich nie für mich gedacht!

„Du wirst es schaffen“, machte mir Daisie damals großartigen Mut, „du wirst mit mir zusammen auf die Oberstufe gehen und auch wenn wir in unterschiedlichen Klassen sind können wir uns in der Pause immer sehen. Ich werde dich beschützen, wenn dich ältere Schüler ärgern wollen, du wirst schon sehen. Das wird eine wunderbare Zeit werden. Ich kann es schon vor mir sehen und freue mich schon auf unsere gemeinsamen Jahre.“ Daisies Lächeln, herzlich, gütig, so warm in dieser eisigen Nacht habe ich bis heute nicht vergessen und als wir die letzten Sekunden herunterzählten und schließlich die Feuerrosen aufstiegen, explodierten, einen bunten, farbenfroh blühenden Garten in den dunklen Nachthimmel pflanzten hielt mich meine Schwester ganz fest in ihren Armen. Wir teilten dieselben Wünsche, Hoffnungen, Sehnsüchte und auch Träume!

 

 


2.1.17 09:13

Letzte Einträge: Alltägliche Herausforderungen, Im Wandel der Perfektion, Der beste Freund des virtuellen Ichs!, Mal gewinnen, mal verlieren!, Online-Feste, Shows & Events, Schwesterherz an Schwesterherz!

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