reflections

Neujahrs-Nachwehen

11:37 Uhr - Nach dieser Silvesternacht, die ich mit meinen Großeltern anstatt Mama und Papa verbrachte, wir gemeinsam mit einem oder auch mehr Gläsern Erdbeersekt anstießen bin ich heute Morgen mit Bauchschmerzen im Bett aufgewacht oder besser ausgedrückt nach einer recht grüblerischen Nacht, wo ich bis sechs Uhr mich auf der Matratze hin und herwälzte bis ich endlich inmitten eines matt-sonnigen Sonntages zu mir gekommen bin. Mein Bauch tat weh, es zwickte und kniff fürchterlich in den Eingeweiden und so wußte ich, da es in den Vortagen schon angekündigt, daß pünktlich zur Kalendernotiz alsbald meine Erdbeer-Tage beginnen. Mir tut noch immer alles weh und Omi hat mir ganz lieb wie sie ist eine Tasse Apfeltee gekocht damit es besser wird, es mich innerlich aufwärmt und auch beruhigt, es den Magen weniger rebellisch zeigt.

Über dem Dorf lag ein schmeichelhaft-schläfriger Mattschein, der die Fassaden mit einem leicht beschwipsten Glanz versah, zumindest bildete ich es mir ein, da ich immer noch – es mag komisch klingen – den Geschmack des erdbeerigen Sekts auf den Lippen schmecke und in Gedanken, sanft und liebevoll, sprach ich mit sichtbar gemachten Hauch meiner Schwester und Eltern ein wunderschönes Neues Jahr aus.

Als ich am offenen Fenster stand, der Geschmack des wohlschmeckenden Apfeltees mich zu wärmen versuchte und ich auf den niedergelegten silbernen Raureif der platten Gräser und knorrige Bäume sah spürte ich in mir eine sonderbare Empfindlichkeit auftreten. Es lag nicht an den Hormonen, obwohl ich die PILLE noch gar nicht nehme, ich mich noch zu jung dafür sehe (mag meine Gynäkologin auch anderer Ansicht und Meinung sein), aber schaue ich auf das kommende Jahr 2017 voraus – mein letztes Mittelstufenjahr – bekam ich einen seltsam traurigen Schub verpaßt, der noch immer in einer niederschmetternden dumpfen Woge anhält, und ich mir wieder mal ganz unbeschönigt eingestehen muß, daß ich das anstehende Oberstufenjahr im Herbst alleine ohne Daisie beginnen werde. Die Zeit verfliegt und nimmt auf niemanden Rücksicht!

 

12:19 Uhr

Mittags, also vorhin, bekam ich einen ganz merkwürdigen Heißhunger als ob ich tagelang nichts gegessen hätte und in mir der Drang erwuchs einen ganzen Ochsen zu verspeisen. Nungut, einen Ochsen habe ich natürlich nicht verputzt, ganz klar, aber einen Hund, einen Hotdog mit Pommes, den mir Omi freundlicherweise zubereitete und das knusprige Ofenbrot samt den Pommes war einfach schlemmerhaft -, ganz prima. Omi und Opi freute es, daß ich Appetit zeigte, auf mich achtete, obwohl ich derzeit bloß knapp vierzig Kilo auf die Waage bringe aber für mein Alter ist es denke ich ganz normal. Mama und Papa sind an Silvester nicht zu Besuch gekommen aber sie haben Beide jeweils eine kurze SMS geschrieben, einen simples Neujahrsgruß, mehr nicht, was verständlich ist -, auf gute, aussichtsreiche Segenswünsche fürs Neue Jahr haben wir unsrerseits verzichtet. Es wird nie mehr so wie früher sein, das haben wir alle begriffen, obwohl die Realität scheinbar noch nicht ganz zu uns durchbrechen will und sie deswegen noch den Abstand zu mir suchen. Meine Eltern brauche ich hier, hier bei mir, nicht woanders, an einem anderen Ort, der sie weit von mir entfernt obwohl sie meinen mir damit Gutes zutun, um anschließend, sobald sie das Loch in ihrem Herzen soweit abgedichtet haben, mir wieder liebe Eltern sein können. Aber wie wollen sie das anstellen? Habe ich es zu Weihnachten, bei ihrem Kurzbesuch gemerkt, wie sehr wir jede herzliche Annäherung zwar versuchen, es kaum klappt, da Mama in ihrer eigenen depressiven Welt gefangen ist, Papa dabei versucht sie zu erreichen und ich…ich selber bin irgendwo in der Mitte und da sie mich nicht verletzen wollen halten sie sich auf einer mir fremden Insel auf. Dabei brauche ich sie doch, ich brauche meine Mama und ich brauche auch meinen Papa nahe bei mir.

„Mama und ich haben entschieden, daß es derzeit das Beste ist“, hat Papa damals vor Beginn des aktuellen Schuljahres zu mir gesagt. „Wir haben schon alles mit meinen Eltern abgesprochen und du wirst eine Zeitlang bei Oma und Opa verbringen. Die Sache mit der Schule ist auch schon geregelt“, sprach Papa weiter, was mich erstaunte, obwohl ich es habe kommen gesehen, es bloß eine Frage der Zeit zu bedeuten schien.

In den Monaten davor habe ich mitbekommen wie sehr die Kluft zwischen uns immer größer geworden ist, wir einander zwar noch Empfindungen zuließen, es allerdings auch einen Keil zwischen uns trieb und anfangs hat mich Mama noch in den Arm genommen aber recht bald später, das habe ich in ihren Augen gelesen, hat sie gewußt, daß ich es bin und sie Daisie nie mehr in ihre Umarmung schließen kann. Niemand wird es mehr können. Meine Mutter fing an Medikamente zu nehmen, Antidepressiva wie ich auf der Schachtel las, und Papa versuchte mit allem fertig zu werden während ich – ihre andere Tochter – wie im geisterhaften Halbschlaf im Haus umherirrte, meine verzerrte Wahrnehmung durch den Gedächtnisverlust wie ein Puzzle zusammenzusetzen versuchte. Mir war als sei ich in einen dunklen tiefen Kaninchenbau abgestürzt!

Schon im Krankenhaus während der Reha bin ich von freundlichen, vielleicht zu sehr penetranten Psychologen betreut worden, die sich Kriseninterventionsteam nannten, aber der erlittene Schock an diesem Tag hatte meinem jungen Bewußtsein zu sehr zugesetzt sodaß mich der herbeigeführte Gedächtnisverlust wie sie es nannten bloß vor Schlimmeren bewahren wollte. Meine Erinnerungslücken waren eine Art von Selbstschutz. Eine Rüstung war um mein Erinnerungsvermögen gelegt worden aber nach einer Weile, dann immer mehr, was ich niemanden erzählte, erhielt ich erste verschwommene Schnipsel als ob man einer dieser alten Filme sieht, wo das Bild auf dem Fernseher zunächst unkenntlich ist, verschneit als ob Farben und Kontraste erst zusammengesetzt werden müssen, um dann alles klar und rein zu offenbaren.

In diesen und anderen Augenblicken sobald mehr und mehr von dieser Vergangenheit zurückkehren bekomme ich Angst – Angst vor mir selber!

Später, ganz viel später, dachte ich mir innerlich vielleicht wollten Papa und Mama mich auch weil sie mich eben zu Opa und Oma schickten auch vor weiterer Gefahr fernhalten, die passieren kann wie sie auch uns zugestoßen ist und innerhalb von Sekunden unsere Familie zerstörte.

Die Zeit im Spital, auf der Station, angeschlossen an Infusionen, an roter und auch klarer Flüßigkeit, ich erinnere mich an ganz deutlich daran.

Der Schulwechsel fiel mir insbesonders leicht weil ich an der alten Schule keine Freunde hatte, nie wirklich ein soziales Mädchen gewesen bin und Daisie und ich uns vollkommen genügte. Wir brauchten keine Außenstehenden, es reichte wenn wir einander hatten, ob in den Pausen oder auch außerhalb der Schule, und irgendwie waren wir schon immer von unsren Mitschülern abgeschnitten weil wir ganz anders dachten, uns auch ganz anders verhielten, wir die Welt um uns herum zudem mit schärferen Augen wahrnahmen und darum erschienen uns die dringlichen Wichtigkeiten unsrer Mitschüler eher als kindlich und unreif als eine verbindliche Notwendigkeit. Ich weis nicht, ob wir uns als frühreif bezeichnen konnten, aber dieser Begriff ist recht dehnbar heutzutage, was uns auch unsere Bio-Lehrerin erklärte und mochten Daisie und ich nie wirklich Anschluß an unsere Klasse gefunden haben waren wir doch über all die Jahre zusammen glücklich und fröhlich in unserer ganz eigenen Welt.

Wenn ich jetzt daran zurückdenke, ja ganz bestimmt sogar, bin ich mir sicher, daß es kein glücklicheres Geschwisterpaar auf Erden gegeben hat! Zusammen mit meiner Schwester malte ich sogar an düstersten Tagen die wunderschönsten Regenbögen in die Wolken. Doch jetzt, jetzt, sind alle Farben plötzlich ausgelöscht, sämtliche Regenbögen verblaßt und was blieb ist die Düsternis selbst an vermeintlich schönen Sonnentagen!

 

Ich habe noch immer ganz fürchterliches Bauchweh darum werde ich mich nun etwas hinlegen und zu schlafen versuchen!

 

Euch allen dort draußen wünsche ich Frohes Neues Jahr

und schließt eure Familie ganz lieb in die Arme,
sie ist das Kostbarste auf dieser Welt!

 

1.1.17 12:31

Letzte Einträge: Alltägliche Herausforderungen, Im Wandel der Perfektion, Der beste Freund des virtuellen Ichs!, Mal gewinnen, mal verlieren!, Online-Feste, Shows & Events, Schwesterherz an Schwesterherz!

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